Mit seiner jüngsten Arbeit ist dem gefeierten Regisseur und Protagonisten der türkischen Schwulenbewegung, Kutlug Ataman, ein kraftvolles und bildstarkes Coming-of-Age-Porträt zweier ungleicher Mädchen aus der türkischen Mittelschicht gelungen.
Die halbwüchsigen Istanbuler Girls Handan und Behiye können unterschiedlicher nicht sein: Während die rothaarige und kratzbürstige Behiye (Feride Cetin) davon träumt, aus ihrem spießigen Elternhaus und vor allem der Fuchtel ihres älteren Bruders zu entkommen, ist Handan (Vildan Atasever) ein oberflächliches Püppchen, das eher wie eine Schwester denn wie eine Tochter bei ihrer in die Jahre gekommenen Mutter lebt. Als sich beide Mädchen an der Istanbuler Universität über den Weg laufen, scheinen zwei kritische Massen wie in einer Atombombe in Erwartung der großen Explosion aufeinanderzutreffen. Behiye wird bei Handan und ihrer misstrauischen Mutter einziehen und deren Alltage à la "Auf-den richtigen-Mann-Warten" mit Verve durcheinanderwirbeln. Quasi nebenbei bringt die nur äußerlich stark wirkende Anti-Pippi-Langstrumpf ihrer Freundin bei, dass man sein Leben selbst in die Hand nehmen muss. Ironischerweise wird es am Schluss die naive Handan sein, die sich ohne fremde Hilfe ins Erwachsenenleben aufmacht.
Kutlug Ataman ("Lola und Bilidikid") hat mit "Iki Genç Kiz" (Zwei (Jung-)Frauen) nach dem Bestsellerroman von Perihan Magden einen wunderbar kraftvollen, bildstarken und obendrein sexy Jugendfilm realisiert, der den mitunter gewaltsamen Bruch vom Kind zum Erwachsenen messerscharf analysiert. Kein modisches Soft-Melo und kein pseudopädagogischer "Problemfilm", sondern ein liebevoll inszeniertes Porträt der türkischen Großstadt-Mittelschicht, deren oft knapp an der Armutsgrenze lebende Erwachsene sich nicht zwischen Tradition und Moderne entscheiden wollen und deren Kinder (vor allem die jungen Frauen) mit ihren Zukunftsängsten allein gelassen sind. Das erinnert in der Optik das eine oder andere Mal an die Filme Larry Clarks ("Kids") und sorgt für einen heilsamen Schock, wenn der Begründer des Jungen Türkischen Films dabei gerade nicht "orientalische" Klischees bedient. Ein weiteres Klischee wird hier ebenfalls durchbrochen: Entgegen aller Erwartungen an Regisseur Ataman ist "Zwei Mädchen aus Istanbul" kein Lesbenfilm. aw.
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