Vier Jahre nach "Die Bartholomäusnacht" präsentierte Patrice Chéreau erneut einen Film im Wettbewerb von Cannes. Ein buntes Völkchen aus Paris fährt mit dem Zug zur Beerdigung eines exzentrischen Malers in die Provinz. Schon auf der Fahrt liegen sich Freunde und Familie in den Haaren und am Ende eines langen Tages stehen die Trauernden vor einem emotionalen Scherbenhaufen.
Die Idee zum verwirrenden Titel ist aus dem Leben gegriffen. Als der aus den 60er und 70er Jahren bekannte Dokumentarfilmer François Reichenbach sich für seine letzte Ruhe Limoges aussuchte, schlug er seinen Pariser Freunden, u.a. auch Chéreaus Co-Autorin Danièle Thompson vor "Die mich lieben, nehmen den Zug" (zur Beerdigung). Auch bei Chéreau fahren alle, die einem verblichenen Patriarchen nahe standen, von der Seine mit dem Zug nach Limoges, um ihm das letzte Geleit zu geben. Doch nach einem kurzen Austausch von Höflichkeiten kochen die Emotionen hoch. Vor allem bei den Eheleuten Claire und Jean-Marie (Valeria Bruni-Tedeschi, Charles Berling), die sich vor der geplanten Scheidung unverhofft wieder treffen, und bei einem Schwulenpaar (Pascal Greggory als Zyniker, Bruno Todeschini als Leidender), die sich vom selben Objekt sexueller Begierde angezogen fühlen. Souverän wie Altman in "Short Cuts" verknüpft Chéreau verschiedene Schicksale, entwirft ein psychologisch spannendes Porträt von schrägen Typen, Freunden, (Ex-) Liebhabern oder (Ex-) Geliebten und Familienangehörigen, die nur eins verbindet - ihre Abneigung oder ihre Liebe zu dem Toten. Es werden Erinnerungen ausgetauscht, alte Wunden aufgerissen, schmerzhafte Wahrheiten serviert, offene Rechnungen beglichen. Wut und Weinen liegen nahe beieinander. Chéreau decouvriert die Familie als Hort des Hasses, wo jeder gegen jeden kämpft und sich selbst der Nächste ist, bis es am Ende zur reinigenden Katharsis kommt und ein vages Gefühl der Hoffnung keimt.
Der Theater-, Film- und Opernregisseur konzentriert sich in elliptischer Erzählform auf zwei Hauptbereiche: Trennung und Begegnung, läßt sich dabei von eigenen Erfahrungen inspirieren. In einer Art Dreiakter, die Zugfahrt zur Beerdigung, die Beerdigung selbst und die anschließende "Feier" im Familiendomizil, entwickelt er einen profunden, dennoch unterhaltenden Blick in seelische Abgründe. Dabei packt er das Elend der Welt in zwei Stunden, angefangen von Drogenabusus, HIV, Homosexualität, Untreue, unerwünschte Schwangerschaft bis Selbstmord. Brillante Dialoge, optimale Besetzung bis in die kleinste Rolle (großartig Vincent Pérez als Tanssexueller, Jean-Louis Trintignant als charismatischer Schuh "Macher") und eine innovative (Hand-) Kamera, die von einem Protagonisten zum anderen hart springt, dann wieder zärtlich gleitet, lassen bei diesem intelligenten Puzzle keine Sekunde Langeweile aufkommen, auch wenn die Zuordnung der zahlreichen Personen manchmal Schwierigkeiten bereitet. Chéreaus feinsinnige Beobachtung der simplen Dinge des Lebens sollte auch an der Kinokasse auf Interesse stoßen. mk.
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