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Ten Minutes Older - The Trumpet Filmkritik

Ten Minutes Older - The Trumpet Filmkritik

Film
Ten Minutes Older - The Trumpet
Autor
anonymous
Filmkritik vom
2006-01-26 16:38:28
Quelle
www.kino.de
Filmkritik

Da Film ohne die Zeit, die vergeht, nicht möglich ist, liegt das locker vorgegebene Leitmotiv des "Un Certain Regard"-Episoden-Beitrags eigentlich auf der Hand. Verknüpft wird der individuelle Blick von sieben Regisseuren auf die Vergänglichkeit mit dokumentarischen Aufnahmen eines Flusses. Fließendes Wasser als Sinnbild für die verrinnende Zeit ist natürlich nicht sonderlich originell, wird aber in Verbindung mit der frei improvisierenden Musik einer Trompete (Untertitel: The Trumpet) seiner Funktion als stimmungsvolles Bindeglied gerecht.

Einen guten Start liefert der Minimalist Aki Kaurismäki mit "Dogs Have No Hell". Seine Loser-Lovestory um einen Gestrauchelten, der sein letztes Geld in eine Fahrkarte nach Sibirien umsetzt und dem es in den zehn Minuten bis zur Abfahrt des Zuges gelingt, die Frau seines Herzens zum Mitkommen zu bewegen, erfüllt die Erwartungen, die man an den Finnen hat. Fast mutet die kleine Episode an wie eine Fingerübung zu seinem Festivalsieger "Der Mann ohne Vergangenheit", auch wegen der gleichen Schauspieler-Besetzung.

Der zweite Beitrag liefert auch schon den Höhepunkt der Zeit-Variationen: Mit "Lifeline" beendet der spanische Regisseurs Victor Erice ("The South") seine zehnjährige Filmabstinenz. Gedreht in schwarzweiß erhält die friedlich-ländliche Szenerie ihre Dynamik durch hinreißend eingefangene Details aus dem Alltagsleben der Bauernfamilie, durch den sich rasch ausbreitenden Blutfleck auf der Wäsche des schlafenden Babys, auf den immer wieder zurückgeschnitten wird, und nicht zuletzt durch Einblendung eines Zeitungsfoto von drei Nazis, das auf den Einmarsch von Hitlers Truppen am 28. Juni 1940 ins Franco-Spanien verweist. Zwei Tage später wurde der Regisseur geboren, was seiner intensiven Betrachtung über das Leben am seidenen Faden eine zusätzliche Dimension verleiht. Dramatisch stringent erzählt und wunderschön gefilmt besticht diese Lebenslinie als die künstlerisch eindrucksvollste Episode.

Nicht zehn Minuten, sondern "Ten Thousend Years Older" sind die Eingeborenen vom Stamm der Uru Eus am Amazonas in Werner Herzogs Ethno-Doku. Er zeigt die Folgen der Entdeckung der "letzten Wilden" dieser Erde und des Zusammenpralls ihrer Steinzeitwelt mit der Neuzeit.

Jim Jarmusch lässt Chloé Sevigny zehn stressige Drehpausen-Minuten erleben in "Int. Trailer. Night", die, in der klaustrophobischen Enge eines Wohnwagens schwarzweiß gedreht, wenig Eindruck hinterlassen.

Wim Wenders, Experte für den "Lauf der Zeit", schickt einen jungen Mann, der eine Überdosis erwischt hat, auf einen halluzinatorischen Wettlauf gegen die Uhr durch die kalifornische Wüste in dem Versuch, noch rechtzeitig das nächste Krankenhaus zu erreichen. Sein Roadmovie mit einem rettenden Straßenengel hat den Titel "Twelve Miles to Trona".

Spike Lees schwarz-weiße Agit-Prop-Doku "We Wuz Robbed" schildert die spannenden zehn Minuten des amerikanischen Wahlkampfs, die nicht nur das Schicksal von Al Gore, sondern auch das der Nation und der restlichen Welt beeinflussten. Demokraten aus Gores Wahlkampfteam kommentieren die Ereignisse um Bushs umstrittenen Wahlsieg in Florida.

Den würdigen Abschluss bildet Chen Kaiges "100 Flowers Hidden Deep", eine stilistisch sichere, zarte lyrische Parabel um einen geistig verwirrten alten Mann im sich rasant verändernden modernen Peking.

Locker zusammengefügtes Episodenkino erfreut sich momentan einiger Beliebtheit, offensichtlich "erholen" sich immer mehr Regisseure zwischen ihren Filmprojekten gern beim kleinen Format. In Vorbereitung sind zwei Filme über Paris und den 11. September, und "Ten Minutes Older-Part II" ist bereits abgeschlossen, mit Beiträgen von u. a. Bernardo Bertolucci, Mike Figgis und, als erster Frau, Claire Denis. Showtime wird die Filme in den USA im TV ausstrahlen.

Alle Episoden der von Ulrich Felsbergs Road Movies finanzierten Produktion sind zwischen 9 und 12 Minuten lang - das sind aber auch schon alle Gemeinsamkeiten. Klar, dass bei völliger künstlerischer Freiheit die einzelnen Beiträge qualitativ durchaus unterschiedlich ausfallen. Am Ende sind wir 91 Minuten älter, aber auch um einige beglückende Filmminuten reicher. boe.

Copyright © www.kino.de 2006.



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