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Taking Woodstock Filmkritik

In welchem Kino wird dieser Film gespielt?

"Taking Woodstock" Filmkritik

Film
Taking Woodstock
Autor
anonymous
Filmkritik vom
2009-10-28 18:07:45
Bewertung
4/5 4 stars
Quelle
www.kino.de
Filmkritik

Zum 40. Jubiläum von Woodstock bringt Ang Lee die Geschichte des Mannes, der das legendäre Rockfestival im Jahr 1969 überhaupt erst möglich gemacht hat, ins Kino - der bei aller Dysfunktion leichteste und unbeschwerteste Film des Meisterregisseurs von "Brokeback Mountain" und "Lust und Begierde".

"3 Days of Peace & Music" versprachen die Veranstalter des Woodstock Music Art and Festival, als sich am 15. August auf dem Farmgelände des Milchbauern Max Yasgur in Bethel, New York, der Vorhang hob für ein Rockfestival der Superlative, in dessen Verlauf 32 Künstler bei Sonne, Sturm und strömenden Regen vor geschätzten 500.000 begeisterten Besuchern auftraten, während weitere 500.000 im 90 Kilometer langen Stau vergeblich versuchten, zum Ort des Geschehens zu wagen. Wenn Ang Lee ein filmisches Schlaglicht auf die Ereignisse von damals wirft, dann liegt die Vermutung nahe, dass der Spezialist für obsessive Dramen im bunten Hippietreiben nach einer düsteren Seite suchen könnte. Das Gegenteil ist der Fall: "Taking Woodstock", basierend auf Auszügen der Memoiren des damals tatsächlich bereits 34-jährigen Elliot Tiber, der als Präsident der Handelskammer von Bethel die Befugnis hatte, einmal im Jahr ein Musikfestival zu organisieren und mit dieser Genehmigung Woodstock möglich machte, ist vielmehr ein krasser Gegenentwurf zu Lees zeitlich kurz davor angesiedelten "Brokeback Mountain": der eine Moment in der amerikanischen Geschichte, in dem die Utopie von Gleichheit und Brüderlichkeit tatsächlich wahr wurde, in dem die Menschen einander unter dem Einfluss von Musik und Drogen als das akzeptierten, was sie waren, ungeachtet von Hautfarbe, Geschlecht und sexueller Orientierung (Lees 1997 entstandener "Der Eissturm" wiederum lässt sich als Abgesang auf den Summer of Love lesen).

Der Regisseur verpackt die Geschichte von Tiber, der in New York City als Galerist und Künstler der aufkeimenden Schwulenbewegung angehört, zu Hause in der spießigen 4000-Seelen-Gemeinde Bethel bei seinen jüdischen Eltern aber ein Doppelleben führen und seine Sexualität verheimlichen muss, in das Gewand der Filme dieser Zeit und erweist damit den eigenen Vorbildern seine Referenz: Unverkennbar ist der Elliot Tiber, den Lee und sein stetiger Drehbuchautor James Schamus für ihren Film erfunden und von dem filmunerfahrenen Standup-Comedian Demetri Martin ganz unaffektiert spielen lassen, angelehnt an Dustin Hoffmans Benjamin Ben Braddock aus "Die Reifeprüfung", mit einem Schuss Ringo Starr, wie man ihn in Richard Lesters "Hi-Hi-Hilfe" erlebte - ein unbedarfter, unsicherer Nebbish, der unter der Knute seines dominanten Mutterdrachens (Imelda Staunton als Inbegriff der resoluten yiddischen Quengelmama) leidet. Der zentrale Familien- und Generationenkonflikt - ein wiederkehrendes Thema in den Filmen von Ang Lee, das man auch als Bindeglied zu den anderen Arbeiten des Regisseurs sehen kann - ist fast identisch aus Paul Mazurskys bittersüßer Coming-of-Age-Geschichte "Ein Haar in der Suppe" übernommen. Und die lose Struktur, die so zufällig und improvisiert wirkt wie das damalige Festival selbst, bei dem die angesichts des Publikumsansturms völlig überforderten Veranstalter oft nicht wussten, wer als nächstes auf die Bühne kommen würde, erinnert an die großen Ensemblefilme von Robert Altman, Filme wie "Nashville" oder "Eine Hochzeit", nur dass Lee dessen Zynismus mit einem liebevollen, milden Blick auf das unüberschaubare Treiben ersetzt.

Schauplatz ist das heruntergekommene, hoch verschuldete Motel der Tibers, das auf einmal zum Dreh- und Angelpunkt wird, sowie die Festivalleitung das Gelände zum Hauptquartier erklärt. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen, während die Familie Tiber im Ausnahmezustand lernen muss zusammenzurücken. Ein paar Stars schauen auf Cameos vorbei: Liev Schreiber als ausgesprochen maskuliner Transvestit, Emile Hirsch als traumatisierter Vietnamveteran, Komiker Don Fogler als durchgeknallter Ausdruckskünstler. Ein paar Konflikte, u. a. mit den wenig begeisterten Mitbürgern von Bethel, werden angerissen, verlieren sich aber wieder im steten Getümmel. Und doch verdichten sich all die Anekdoten und Geschichtchen schließlich zu einem stillen Höhepunkt, als Elliot in einem kurzen Moment der Ruhe doch noch versucht, zu dem fünf Kilometer entfernten Festival durchzudringen, von einem Cop auf dem Motorrad mitgenommen wird, vorbei an einer endlosen Kette glücklicher und sich liebender Menschen, um schließlich von zwei Hippies - Paul Dano und Kelli Garner - auf einer Anhöhe in ihrem VW-Bus auf einen Trip mitgenommen zu werden, aufdass das ganze Festival in einem Farbenstrom zu wogen beginnt, als hätte man kurz Kubricks psychedelischen Höhepunkt von "2001" einkopiert. Woodstock ist wie das Leben - ein langer ruhiger Fluss. Lees Film auch. Und eine wahre Freude! ts.

Copyright © www.kino.de 2009.



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