Der Freigeist. Wenn Ulrich Tukur spielt, sind seine Rollen von zeitlos überzeitlicher Schauspielkunst, unangestrengt und von freiem Geist. Tukur muss nicht buhlen, ringen oder die Rampensau rauslassen, er - ist. Seine SS-Offiziere sind keine Teufel, seine Mörder keine schwitzenden Psychopathen, seine Terroristen keine Übeltäter, und die Personen der Zeitgeschichte, die er verkörpert, hat er nicht imitiert, sich nicht um äußerliche Ähnlichkeit bemüht, sondern ihnen unbekannte Facetten geliehen. Einer seiner Regisseure sagt: "Tukur wäre zu jeder Epoche ein Star gewesen." Er ist kein Verinnerlichungsmime oder Beifallsucher. Tukur ist die Leichtigkeit des Seins, humorvoll, glänzend, generös und mit offenem Blick, ein Gewinn in jeder Rolle, spannend, aufregend, zerrissen und abgründig, aber lachend am Abgrund.
Ulrich Tukur brachte 1986 einen neuen Ton in den deutschen Film. Sein RAF-Terrorist Andreas Baader in Reinhard Hauffs "Stammheim" ist kein ideologisch blinder Dämon, sondern einer, der mit dem Staat spielt, ihn herausfordert und vorführt. Das hat vier Regisseurinnen zu dem Fehlschluss verleitet, sie könnten ihn im Episodenfilm "Felix" (1987) als feministisches Experimentierfeld vorführen, doch Tukur ließ sich nicht vereinnahmen. Da spielte er lieber in Hans-Christoph Blumenbergs Doku-Essay "In meinem Herzen, Schatz" (1989) den blonden Hans Albers und brachte den Volkssschauspieler wieder in Erinnerung. Oder in Peter Kegelvic's "Das Milliardenspiel" (TV) den ersten einer Reihe von Karrieristen, deren bester sein so jovialer wie gefährlicher Stasi-Offizier Anton Grubitz in Florian Henckel von Donnersmarcks "Das Leben der anderen" (2006) ist, der blitzschnell vom politischen Witz zur Drohung wechselt.
Seit Tukur den jungen Herbert Wehner in Heinrich Breloers Doku-Drama "Wehner" (TV) spielte, hat er Personen der Zeitgeschichte nicht didaktisch, sondern spielerisch angelegt, ihnen das Bedeutende genommen, sie vermenschlicht, General Lucius D. Clay ("Die Luftbrücke"), Hamburgs Innensenator Helmut Schmidt ("Die Nacht der großen Flut") oder den Schauspieler Conrad Veidt in "Beim nächsten Schuss knall ich ihn nieder" (1996). SS-Offiziere ("Mutters Courage") wie Widerstandskämpfer sind bei Tukur gleichermaßen faszinierend in ihren Widersprüchen: Widerständler Henning von Tresckow ("Stauffenberg") wie Pastor Dietrich Bonhoeffer ("Bonhoeffer - Die letzte Stunde"), und er kombinierte beide als SS-Obersturmbannführer Kurt Gerstein, der die Nazi-Gräuel publik machen will, in Costa-Gavras' "Amen" (2002, Verfilmung von Rolf Hochhuths "Der Stellvertreter").
Ulrich Tukur wurde 1957 in Viernheim, Hessen, geboren, bestand sein Abitur in Hannover und schloss in Boston an der Highschool ab. Dem Studium der Germanistik, Anglistik und Geschichte in Tübingen folgten Jobs als Knödeltenor und Akkordeonspieler, Schauspielausbildung in Stuttgart, Bühnendebüt 1982 und Spielfilmdebüt in Michael Verhoevens "Die Weiße Rose" (1983, als Willi Graf). Gefeiert wurde sein SS-Sturmbannführer Kittel in Peter Zadeks legendärer Inszenierung von Joshua Sobols "Ghetto" (1985). Tukur blieb seiner Wahlheimat Hamburg und dem Hamburger Schauspielhaus verbunden und führte als Intendant die Hamburger Kammerspiele aus der finanziellen Krise.
Tukur wurde u.a. als Schauspieler des Jahres 1986 ausgezeichnet und mit dem Adolf-Grimme-Preis, der Goldenen Kamera und dem Grace Prize in Los Angeles ausgezeichnet.
Seit 1995 tritt Ulrich Tukur als Sänger, Pianist und Akkordeonspieler mit den Rhythmus Boys auf, trägt Lieder der 30er- bis 50er-Jahre vor, ohne sie im Arrangement zu modernisieren, und hat fünf Alben ("Meine Sehnsucht ist die Strandbar") aufgenommen. Er lebt mit seiner Frau Katharina John seit 2003 in Venedig, um ein wenig Distanz zu Deutschland zu bekommen.
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