Russell Crowe und Mel Gibson dominieren zwar die australischen Fankurven, doch den größten Respekt genießt der 53-jährige Charakterdarsteller Geoffrey Rush. Als Künstler wird er damit zufrieden sein, als Mann aber wahrscheinlich nicht. Denn ihn umarmen zwar die Kritiker - Crowe und Gibson jedoch die Frauen.
Das Schicksal trieb Genie und Schönheit 1979 am Anfang beider Karrieren zusammen: "Als ich Vladimir in dem Theaterstück "Warten auf Godot" spielte, verkörperte Mel Gibson den Estragon. Wir wohnten zusammen und waren auch in die gleiche Darstellerin verknallt. Am Ende wurde ich ihr Freund - zumindest eine Weile - und Mel ein weltweites Sexsymbol." Noch heute ist das ungleiche Paar befreundet.
1981, zwei Jahre nach der 'Affäre Beckett', feierte Rush sein Filmdebüt im Krimi "Hoodwink" - in einer kleinen Rolle an der Seite von Judy Davis, die wie Gibson damals den Neuen Australischen Film in der Welt repräsentierte.
Im Unterschied zu diesen Kometen leuchtete Rush, der bis 1996 nur vier kleine Filme folgen ließ, in einer anderen Welt. Seit seiner Kindheit begeisterte sich der Klassenclown fürs Theater.
In Brisbane aufgewachsen, schloss sich der Mann mit der Struwelfrisur 1971 der Queensland Theatre Company an und feierte mit 20 sein Bühnendebüt. 70 Produktionen später reicht sein Repertoire heute von Snoopy im Musical "You're a good man, Charlie Brown" bis hin zum Narr in "König Lear".
Eine große Liebe ist also das Theater. Die zweite, Jane Menelaus, lernt er 1986 auch dort kennen, verbindet sogar die Hochzeitsreise mit einer gemeinsamen Tour von "Ernst sein ist alles".
Anfang der Neunziger leitete er eine Theatertruppe, spielte mit Newcomerin Cate Blanchett in "Oleanna" und hatte im gleichen Jahr einen Nervenzusammenbruch - ohne dass es hier einen Kausalzusammenhang gäbe.
Der Vater einer Tochter und eines Sohns lebt in Melbourne ein ruhiges Leben, beruflich aber investiert er all seine Energien bis zur Verausgabung. Vielleicht eine Parallele zum traumatisierten Pianisten in "Shine - Der Weg ins Licht", der seinen Durchbruch bedeutete und ihm einen Oscar einbrachte. Seitdem gehört der Mann, der Mitte der Siebziger in Paris Schauspiel und Pantomimik studierte, zur darstellerischen Elite.
Faszinierend kann er dem Abgründigen Charme verleihen, wie als Marquis de Sade in "Quills - Macht der Besessenheit". Dabei testet er seinen Tastsinn an Kate Winslet, übersät nackt und manisch die Zellenwände mit Kot und bietet der Welt wütend die Stirn. Dennoch gewann der Spaßvogel dieser Oscar-nominierten Tour de Force eine unerwartet sanfte Note ab: "Näher werde ich der Figur eines romantischen Liebhabers wahrscheinlich nie kommen."
Tatsächlich hat er einen solchen nie gespielt. Dafür aber skrupellose Bürokraten ("Les Misérables"), unberechenbare Queen-Berater ("Elizabeth"), komische Theaterleiter mit Dentalproblemen ("Shakespeare in Love", Oscar-Nominierung), verklemmte Neurotiker, die denkwürdig entspannt werden ("Groupies Forever"), kleine Teufel, wie sein Zombie-Pirat in "Fluch der Karibik" oder jetzt eine britische Komikerlegende in "The Life And Death of Peter Sellers".
Britt Ekland, erste Frau des Inspektor-Clouseau-Mimen, nannte den Australier nach erstmaligem Betrachten des fertigen Films "ein Genie". Dass er den Typ "ver- und gestört" besonders oft spielt, ist für ihn Zufall, nicht Lebensplan:
"Ich verstehe, warum die Leute solche Einzelpunkte verbinden, aber ich denke nicht so. Wenn ich es täte, könnte ich zum Beispiel auch sagen, "Fluch der Karibik", "Frida" und "Der Schneider von Panama" sind meine "tropischen Filme". Wenn Sie verstehen, was ich meine."
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