Verführung und Verzweiflung - die vielen Gesichter der Charlotte Rampling.
"Ich wollte immer schon im Rampenlicht stehen", erinnert sich Rampling, die am 5. Februar 1946 in Sturmer, Essex das Licht der Welt erblickte. Aber die angestrebte Gesangskarriere missfiel dem Vater, sodass die Britin stattdessen nach einer kurzen Modelkarriere die renommierte Schule des Londoner "Royal Court Theatre" besuchte.
Noch bevor sie ihren Abschluss machen konnte, engagierte Regisseur Silvio Narizzano sie 1966 nach einer Minirolle in Richard Lesters "Der gewisse Kniff" für die Komödie "Georgy Girl". Zum Schauspielunterricht kehrte Rampling nicht mehr zurück: Ihr Durchbruch kam 1968 als Elisabeth Thallmann in Luchino Viscontis "Die Verdammten". "Visconti zeigte mir, wie Kino sein kann. Von diesem Stil bin ich nie mehr wirklich abgewichen", resümiert Charlotte heute. Und tatsächlich wurde sie zu einer Ikone des europäischen Autorenfilms.
Ein wenig unnahbar wirkte sie dabei häufig, beinahe wie ein eiskalter Vamp, in jedem Fall aber eine souveräne Figur, die ihr Leben und das der anderen unter Kontrolle hat - wobei Rampling gerade in ihren interessanteren Werken diese Pose dekonstruiert.
In den letzten Jahren sorgte vor allem ihre Arbeit mit dem französischen Regisseur François Ozon für Aufsehen. Für ihn spielte sie 2000 hochgelobt in "Unter dem Sand" eine Professorin, deren Mann während des gemeinsamen Sommerurlaubs spurlos verschwindet. Noch bessere Kritiken gab's drei Jahre später für ihre Rolle der schreibblockierten Krimiautorin in "Swimming Pool", für die sie den Europäischen Filmpreis erhielt.
"Charlotte Rampling hat gelernt, sich absolut in den Dienst ihrer Figuren zu stellen und dennoch eine Distanz zwischen ihnen und sich selbst aufzubauen", urteilt ihre Filmpartnerin Ludivine Sagnier. Vielleicht erklärt das die Vielseitigkeit der 60-Jährigen, die außer in kontroversen Parts, wie dem der vermeintlich nervenkranken Millionenerbin in Patrice Chéreaus Thriller "Das Fleisch der Orchidee", immer wieder in Mainstreamfilmen zu sehen ist.
Zuletzt etwa in Michael Caton-Jones spekulativem "Basic Instinct: Neues Spiel für Catherine Tramell" oder in Enki Bilals werkgetreuer Adaption des Sci-fi-Kult-Comics "Immortal". Skandalträchtige Auftritte hat sie im Laufe ihrer Karriere dabei nie gescheut: Die devoten Liebesspiele einer ehemaligen KZ-Insassin mit einem SS-Offizier in Liliana Cavanis Faschismusdrama "Der Nachtportier" von 1974 waren der italienischen Zensur zu anstößig, der Film ist dort bis heute verboten.
1986 filmte Rampling dann mit dem japanischen Provokateur Nagisa Oshima "Max, mon amour", eine Dreiecksgeschichte zwischen einem Diplomatenpaar und dem Hausaffen, bevor sie eine Rolle als Mickey Rourkes Ex-Freundin in Alan Parkers stilsicherem Noir-Albtraum "Angel Heart" übernahm.
"Ich mache Filme, um meine Gefühle in aller Radikalität auszuleben, um die Dämonen auszutreiben", erklärt sie ihre Rollenwahl. Im Laufe ihrer vier Jahrzehnte umspannenden Karriere hat sie das hinreichend getan und gleichzeitig mit zahlreichen namhaften Regisseuren zusammengearbeitet, darunter John Boorman ("Zardoz", 1974), Woody Allen ("Stardust Memories", 1980) und Sidney Lumet ("The Verdict - Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit", 1982). Und eins mussten all diese Männer mit Sicherheit erkennen: Die Rampling hat ihren eigenen Kopf.
Ihr bewegtes Leben umfasst zwei gescheiterte Ehen - mit dem Bildhauer Bryan Southcombe und dem Musiker Jean-Michel Jarre -, die Ernennung zur "Officer of the Order of the British Empire" für ihre Verdienste um den kulturellen Austausch zwischen Großbritannien und Frankreich sowie, endlich, die Veröffentlichung eines Chansonalbums mit dem Titel "Comme une femme" im Jahre 2002.
Auch in ihrem neuen Film "Die Hausschlüssel" von Gianni Amelio, der jetzt in unseren Kinos anläuft, verweigert sich die Jury-Präsidentin der Berlinale 2006 dem Weg des geringsten Widerstands: Sie spielt die tieftraurige Mutter einer spastisch gelähmten Tochter mit großem Einfühlungsvermögen. Man darf jetzt schon gespannt sein, welchem Projekt sie sich als nächstes zuwendet. Charlotte Rampling hat mit Sicherheit noch einige Überraschungen auf Lager.
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