Als Samantha Morton mit riskanten Rollen im englischen Fernsehen bekannt wurde, geriet ihre Kindheit unters Mikroskop der Boulevardpresse. Danach spielte sie bei privaten Fragen und schließlich auch bei Woody Allen die Stumme. Und wer sie in "Sweet and Lowdown" sah, erlebte eine Offenbarung.
Unvergesslich, wie Sean Penn Mortons verhuschte Provinzpflanze anbaggerte und dann eine süße, aber stumme Klette am Hals hatte ("Das ist mein einziger freier Tag, ich will ein sprechendes Mädchen"). Für ihre lautlose, aber ausdruckstarke Darstellung erhielt die Newcomerin aus Nottingham in ihrem US-Debüt auf Anhieb eine Oscarnominierung.
Der schweigende Engel gehört zu Mortons Lieblingsfiguren - vielleicht gerade, weil in ihrem Leben Unschuld Utopie blieb. Wer sie auf Biographisches anspricht, erlebt eine Mimikverhärtung in Nanosekunden ("Dieses Interview ist wie ein Polizeiverhör!") oder eine Prinzipienerklärung: "Ich habe mich schon früh entschieden, dass dieses Thema tabu ist - ohne Ausnahmen!"
Der Grund ist offensichtlich: Andere hatten ein Heim, sie oft die Hölle. Drei Jahre war das Mädchen mit den acht Geschwistern alt, als sich ihre Eltern scheiden ließen - ihr Vater hatte den Babysitter geschwängert.
Eine Weile lebte sie bei dem tugendlosen Pärchen, landete aber schließlich bei wechselnden Pflegeltern, weil das Gesetz eine langfristige Bindung unmöglich machte.
Mit 13 besuchte sie einen Workshop für junge Schauspieler, zog mit 16 nach London und wurde vom Royal Court Young People's Theatre aufgenommen.
Das Mädchen, das auf den ersten Blick wirkte, als sähe es den Blumen beim Blühen zu, war tatsächlich eine Kriegerin, die sich in der Raveszene austobte.
"Ich will beweisen, dass man weder Oxford noch elterliche Unterstützung braucht, um Erfolg zu haben", ist noch heute ihr erklärtes Ziel. Erreicht hat sie es längst.
In "Jesus' Son" war sie eine wilde Hummel und ein suizider Junkie, in "Morvern Callar" berauschte sie sich mit Drogen und Sex, nachdem sie ihren toten Freund selbst zerteilt und begraben hatte.
Viele frühe Rollen schienen ihre harte Kindheit zu spiegeln. 1994 spielte sie in der TV-Serie "Cracker" ein verführtes Schulmädchen, in der Miniserie "Band of Gold" (1995) eine süchtige Prostituierte, im Kinodebüt "Under the Skin" eine junge Frau, die sich nach dem Tod der Mutter in Sexabenteuer stürzt und ihre Trauerarbeit in einer Kneipe mit einem Cover von "Alone Again Naturally" beschließt.
Wandlungsfähig wie X-Babe Mystique und nicht nur darin Jennifer Jason Leigh ähnlich, überzeugte Morton Korsett-keusch in TV-Adaptionen von "Jane Eyre" oder "Emma", aber auch hüllen- und hemmungslos in einigen Independentperlen.
Wer Morton jetzt "In America" als warmherzige Mutter zweier kleiner Mädchen sieht, vergisst das Wild Child völlig, das Patti Smith liebt, die Queen bei der Royal Premiere von "Minority Report" in Flip-Flops begrüßte und bei der Oscar-Verleihung ein T-Shirt der Sex Pistols ausführte - weil sie noch Tochter Esme (von Schauspieler Charlie-Creed Miles) stillte und kein Designer-Outfit ihren Ballon-Busen samt Schutzeinlagen verbergen konnte.
Mit konventionellen Schönheitsbegriffen steht Samantha ohnehin auf Kriegsfuß, wirkt aber selbst mit Glatze sehr weiblich. Wer anders denkt, wie Harvey und Bob Weinstein, die sie für Terry Gilliams "The Brothers Grimm" "als nicht schön genug" ablehnten, bekommt ihren Zorn zu spüren. Denn "Sweet Girl" kann auch "Tank Girl" sein:
"Niemand sagt mir, was ich machen oder denken soll. ICH kontrolliere mein Leben!"
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