Als Spaßvogel buhlte er erfolgreich um die Gunst des Publikums, aber vergeblich um die Anerkennung der Kritiker. Große Liebe von beiden erfuhr der sarkastische Komiker dann für seinen Melancholiker in "Lost in Translation". Mit "Broken Flowers" sorgte er in Cannes wieder in beiden Lagern für gute Laune.
Für seinen einsamen Bob Harris in "Lost in Translation" sahnte Bill Murray 2004 bei den Golden Globes und den British Academy Awards ab. Jetzt fehlt nur noch ein Oscar. Ein Preis, den er verachtet wie den Starkult: "Jedesmal wenn ich einen Star von 'seinen Fans' reden höre, greife ich zur Schrotflinte!". Trotzdem würde er den Goldjungen zuhause am Kamin sicher in Ehren halten.
Denn ernst genommen werden wollte der Komiker immer, vor allem mit der Literaturverfilmung "Auf Messers Schneide", in der er als Kriegsheimkehrer in Asien nach dem Lebenssinn suchte. Weil sich aber die Kritik nicht erleuchtet fühlte, leistete sich Murray eine vierjährige Auszeit mit Frau Margaret und seinen zwei Söhnen.
"Die Geister, die ich rief" bescherten ihm das Comeback, aber auch einen Ringkampf mit Regisseur Richard Donner: "Man kann sich nicht von den Wertmaßstäben anderer enttäuschen lassen, darf sich nicht mit weniger zufrieden geben", rechtfertigt der heute 54-Jährige seinen Ruf als launischer Perfektionist, der am Set sogar Wildkatze Lucy Liu die Krallen zeigte.
Dieser Streit ist angeblich entschärft, seine Tretminen-Attitüde aber nicht, die in Koalition mit der Buster-Keaton-Mimik das Reizbare so reizvoll macht.
Murray kann für die Liebe eine Eisfigur modellieren, aber einem Nervtöter auch die Nase demolieren. Am Set von "Broken Flowers" drohte er gar, ein störendes Crew-Mitglied mit einem Messer aufzuschlitzen.
"Wenn es kein Drama gibt, kreiert er eines", sagt Harold Ramis, der in "Und täglich grüßt das Murmeltier" und "Caddyshack" hinter, in den "Ghostbusters"-Hits mit Murray auch vor der Kamera stand. "Er liebt es, am Abgrund zu gehen und andere auch dorthin zu treiben. Er kennt nur zwei Betriebsarten: Tiefschlaf oder Hyperaktivität."
Letztere war Überlebensstrategie, schließlich hatte Bill acht Geschwister. Wer nicht auffiel, blieb in der Nahrungskette hinten. Bill besuchte eine Jesuitenschule und wollte Medizin studieren, bevor er am Flughafen mit einer Fünfjahresration Marihuana erwischt wurde. Danach irrte er in der Berufswelt umher, bis ihn Bruder Brian zur Comedy-Group "Second City" lotste, zu der auch Komik-Rüpel John Belushi gehörte.
Zwei Jahre nach Belushis Abschied folgte Murray ihm zum neuen TV-Hit "Saturday Night Live", ersetzte einen populären Kollegen ("Hi, I'm Chevy Chase and you are not"), bevor er wie Chevy Karriere machte. Privat liebte er Mark Twain, Laurens van der Post oder Albert Camus. Im Kino aber drehte er Chaoskomödien wie "Ich glaub, mich knutscht ein Elch".
Nach seinem amüsanten, doch gefloppten Regiedebüt "Ein Verrückt genialer Coup" wurde er sehr wählerisch. Fünf Hauptrollen in 14 Jahren, darunter ein Hypochonder ("Was ist mit Bob?") und ein Zeitkranker, so seine bescheidene Bilanz. Dafür begeisterte er in Nebenrollen: als Transsexueller ("Ed Wood"), verliebter Millionär ("Rushmore") und Mann von Gwyneth Paltrows Kummertrine in "Die Royal Tenenbaums".
Für Wes Anderson, Regisseur der letzten beiden Meisterstücke, gab er in "Die Tiefseetaucher" den eigensinnigen Ozeanographen Steve Zissou.
Nach "Coffee and Cigarettes" drehte er nun zum zweiten Mal mit Jim Jarmusch. In "Broken Flowers" schickt der Independent-Regisseur Murray auf einen hinreißenden Roadtrip durch vergangene Liebschaften und gibt im alle Möglichkeiten, sein brillantes Talent auszuspielen.
Der Mann, der als Kind ein Caddie war, heute auf Wohltätigkeitsturnieren den Golf-Clown gibt und in "Lost in Translation" einen Traumschlag zeigt, hat sich wieder in den Ring gewagt. Nicht nur als Schauspieler. Fast täglich grüßte das Murmeltier seine zweite Frau Jennifer Butler. So konnte er in nur sechs Jahren drei weitere Söhne zeugen.
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