"Dieser Schauspieler, das Chamäleon Hoffman, verdient für seine Leistungen einen Academy Award. Aber es ist unwahrscheinlich, dass er jemals einen bekommen wird."
So schrieb einst der "Guardian" - jedoch zu Unrecht. Schließlich ist der 38-Jährige gerade für seine Leistung im Drama "Capote" mit dem Oscar als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet worden.
Dabei hat Philip Seymour Hoffman, kurz PSH, seinem Publikum schon immer äußerst intensive Darstellungen geboten: Er spielt mit derart erbarmungsloser Kraft, dass man das Kino mit einem flauen Gefühl im Magen verlässt und sich fragt, wieviel man selbst mit den Freaks der Gesellschaft gemeinsam hat.
Hoffman, der sich als 08/15-Typ bezeichnet, wuchs in Rochester, New York, auf. Bei der Scheidung seiner Eltern 1976 war er neun. Seine Mutter, eine resolute Frauenrechtlerin, zog ihn und seine drei Geschwister alleine auf und ging mit 37 Jahren noch mal zur Uni.
Erst Sportskanone, dann Weiberheld
Der junge Philip lebte sein Temperament im Sport aus: Er übte sich im Ringen, spielte Baseball und Football. Dann sah er in der siebten Klasse im Schultheater das Stück "All my Sons". "Ich habe es geliebt", sagt Hoffman. "Ich dachte, dass Theater das Wundervollste auf der ganzen Welt sein muss. Wie konnten die Menschen dort auf der Bühne so Großes leisten?"
Von da an steckte er mit dem Sport zurück und konzentrierte sich aufs Theaterspielen. Ein weiterer Pluspunkt: Auf der Bühne seien die hübscheren Mädchen gewesen. "Ja, ich mag Frauen", entfährt es ihm, wenn ein Journalist um die Frage herumschleicht, ob er - im Hinblick auf die Auswahl seiner Rollen - eventuell schwul sei?
Das Näschen des Obers
Sein Fach, Drama, hat er an der Tisch School of the Arts der New Yorker Universität gelernt. Während er in Off-Broadway-Stücken auftrat, schlug er sich gleichzeitig als Katastrophenkellner durch.
Ein cleverer Casting-Mensch erlöste Philip von seinem Job und die unschuldigen Gäste, die immer noch auf ihr Essen warteten, von Hoffman: Er besetzte ihn 1992 in Martin Brests "Der Duft der Frauen" mit Al Pacino und Chris O'Donnell.
"Ohne diesen Film wäre ich nicht, wo ich heute bin. Nach 'Der Duft der Frauen' ging es wie beim Domino - eine Rolle nach der anderen. Davor war ich nicht nur als Schauspieler dauerarbeitslos, ich wurde auch in jedem Aushilfsjob gefeuert - ob als Kellner oder Bademeister."
Am liebsten mit PTA
Danach spielte PSH in vielen Filmen, doch entscheidend war sein Zusammentreffen mit dem Regisseur Paul Thomas Anderson. Die erste Zusammenarbeit war "Last Exit Reno" mit Reilly und Jackson.
Anderson war so überzeugt von PSH, dass er danach für ihn die Rolle in "Boogie Nights" (1997) schrieb. Als unförmiger Scotty tapste Hoffman in der amerikanischen Pornoindustrie der 70er-Jahre herum und bewies einmal mehr sein außergewöhnliches Können.
Dass dieser trottelige Fettsack sich in den Porno-Gott (Mark Wahlberg) verliebte, erschien extrem peinlich: "Kann ich dich auf den Mund küssen?" PSH entblößte seine Figur, und das Publikum kroch vor Scham und Mitgefühl in die Sesselritze.
Hosen runter
Dann bekam Hoffman die Coen-Brüder zu spüren: Er gehörte mit John Goodman, Jeff Bridges und Julianne Moore zur hervorragenden Besetzung von "The Big Lebowski". PSH spielte die rechte Hand des großen Lebowski, einen schmierigen, überloyalen Humpty-Dumpty.
Ebenfalls 1998 entstand "Happiness" von Todd Solondz. Wollen und nicht Können, dieses ohnmächtige Gefühl schleuderte PSH als liebesuchender Masturbierer dem Zuschauer in der bitteren Komödie vor die Füße.
Seelenpfleger mit Oscar-Hoffnung
1999 war Hoffmans Jahr. Dass er für seine drei exzellenten Leistungen in " Ripley", "Magnolia" und "Makellos" tonnenweise Kritikertätschelungen erfuhr, aber bis dahin nicht ein einziges Mal für den Oscar nominiert wurde, ist Hollywood-Logik.
In "Magnolia", Andersons drittem Werk, mimt Hoffman den Krankenpfleger Phil Parma, der Ruhepol einer Gruppe verletzter und verstoßener Menschen, deren Geschichten miteinander verknüpft sind.
Hässlich, aber mit Job-Garantie
Eine vollkommen andere Seite verlangte Joel Schumacher von PSH - er sollte die Rolle des transsexuellen Rusty neben Robert de Niro als bärbeißiger Ex-Cop in "Makellos" spielen.
Schumacher über seinen Hauptdarsteller Hoffman: "Er macht sich hässlich bis zum Gehtnichtmehr. Ob ihn jemand mag, ist ihm egal. Er sagt das Unaussprechliche, tut das Unmögliche und nimmt die Konsequenzen in Kauf. Er wird zwar nie 20 Millionen Dollar für einen Film bekommen, aber er wird immer Arbeit haben und die faszinierendsten Rollen spielen."
Auf dem Feuerstuhl
PSH kann übrigens auch komisch sein: In "Punch-Drunk Love" - mal wieder von P.T. Anderson - liefert er sich mit Adam Sandler ein Schrei-Duell voller Obszönitäten.
Unvergesslich ebenfalls der feurige Auftritt in "Roter Drache" - auch wenn der Freak dort Ralph Fiennes heißt, der Hoffman nach zermürbender Folter auf einem Bürostuhl anzündet und ins Nirvana schickt.
In Spike Lees grandiosem "25 Stunden" spielt Hoffman einen der Freunde von Edward Norton. Der zieht als reumütiger Drogendealer noch einmal mit seinen Kumpels um die Häuser, bevor er in den Knast geht.
Antiheld mit Spielsucht
Anschließend verkörpert Hoffman im Bürgerkriegsdrama "Unterwegs nach Cold Mountain" mit Jude Law und Nicole Kidman einen gefallenen Gottesmann, der versucht, eine von ihm geschwängerte Frau zu töten.
Ein Charakterwandel um 180 Grad folgt an der Seite von Ben Stiller in der Komödie " und dann kam Polly". Als besorgter Kumpel schleppt er den deprimierten Reuben auf eine Party, bei der dieser auf die quirlige Polly trifft.
Im Thriller "Owning Mahowny" ist PSH anschließend als spielsüchtiger Bänker Dan Mahowny zu sehen, der einen großen Coup plant, um sich von seinen Schulden zu befreien.
Neues Image erwünscht
Insgesamt nicht schlecht für jemanden, dessen Ziel nie wirklich Hollywood war: "L.A. war anfangs furchtbar. Ich wusste nicht, welches Drehbuch gut oder schlecht war. Und wenn ich nach einem Vorsprechen keinen Anruf bekam, starb ich tausend Tode."
Diese Phase gehört für PHS jedoch längst der Vergangenheit an: Für seinen neuen Film "Capote" und seine überragende Darstellung des legendären Literaten wurde der Schauspieler von der Academy-Jury endlich mit einem Oscar belohnt.
Man reißt sich also um den Charakterkopf. Doch mit seinem Image in der Traumfabrik kann sich Philip Seymour Hoffman immer noch nicht anfreunden: "Ich werde oft 'mollig', 'stämmig', 'hellhäutig', 'stiernackig' und 'massiv' genannt - oder einfach 'dick'. Dass mal jemand sagt, ich sei hübsch, darauf warte ich bis heute vergeblich."
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