Als Feingeist ist Russell Crowe nicht gerade bekannt - hatte er doch bis jetzt eher den Ruf ein Kneipengladiator und Womanizer zu sein. Seiner Fangemeinde solls recht sein: Denn nicht ist schlimmer in der Welt des Films als Langeweile.
Ein Oscar für "Gladiator" und zwei Nominierungen für "A Beautiful Mind" und "Insider" belegen den Respekt Hollywoods. Doch wahrer Maßstab für seine darstellerischen Qualitäten ist Crowe selbst.
Der Macho mit dem Maoriblut seitens der Ur-Oma liebt das Leben auf seiner Farm, ein paar Stunden nordwestlich von Sydney, wo auch seine Eltern und Bruder Terry Wurzeln geschlagen haben.
Mit seinen "Mates" tourt er gerne durch Kneipen und prügelt sich auch, wenn man ihn aufdringlich genug darum bittet: "Als Kerl reagiere ich wie jede andere Person, wenn man mich verarschen oder provozieren will", erklärt er sein Naturell.
Doch obwohl Crowe eher Nitro als nett ist, kann er im Kino sanft sein wie in "Die Summe der Gefühle", verunsichert wie in "Insider" oder fürsorglich wie als "Master and Commander" einer Fregatte in den Napoleonischen Kriegen. In der Komödie "Ein gutes Jahr" zeigt sich Crowe nun von seiner charmanten und lustigen Seite. Diese Wandlungsfähigkeit verrät den Künstler im Crowe.
"Ich bin nur ein Schauspieler. Wenn du mich engagierst, tauche ich pünktlich auf, gebe mein Bestes. Das schulde ich dir, gutes Benehmen aber nicht." Mit solchen Sprüchen schockt Crowe seine Bosse, amüsiert aber seine Bewunderer. Der Rüpel in ihm hat Unterhaltungswert.
Legendär, wie er beim Dreh einer Sexszene mit einer Newcomerin den Cheerleader gab ("Go, Russ, Go"), wie er als Cop in " Confidential" Widerspruch mit den Worten "Hit the road, pal!" verscheuchte.
Auch am Set des Boxer-Dramas "Das Comeback" musste Regisseur Ron Howard mit den Launen seines Hauptdarstellers fertig werden. "Die Arbeit mit Russell kann man mit Dreharbeiten auf einer tropischen Insel vergleichen", so Howard. "Das Wetter ändert sich im Laufe des Tages immer wieder, aber man hat schließlich einen bestimmten Grund, dort zu drehen", erklärt der Regisseur weiter. "Manchmal sind dunkle Wolken genau das, was man braucht. Und manchmal wünscht man sich, dass es endlich aufhört zu regnen, damit man mal eine sonnige Szene drehen kann."
Das Ergebnis auf der Leinwand konnte sich sehen lassen: So wie Russell Crowe in "Das Comeback" selbst noch mit gebrochener Hand für das Überleben seiner Familie kämpfte, zeigte er einmal mehr, dass er einer der besten Schauspieler der Gegenwart ist.
Mit vier zog der gebürtige Neuseeländer nach Australien, mit sechs stand er erstmals vor einer TV-Kamera. Seine Eltern leiteten die Küchen auf TV-und Filmsets, ließen ihn als Statist Erfahrung sammeln.
Trotzdem zog es ihn zunächst zur Musik. Als Rus Le Roc quälte er mit einigen Singles Down Under, tourte später mit der "Rocky Horror Show" in Strapsen.
Dragqueen in "Priscilla - Königin der Wüste" wurde Crowe dennoch nicht: Der junge Wilde, der mit Kylie Minogue in der Soap "Neighbours" gespielt hatte, überforderte die Fantasie des Regisseurs. Er stellte sich im Aufzug seines umstrittenen Skinhead-Dramas "Romper Stomper" vor, wo er anderen die Schädel poliert und mit einem Glatzengroupie Sex à la "Am Anfang war das Feuer" hatte.
Was viele schockierte, inspirierte eine: Sharon Stone holte Crowe für "Schneller als der Tod" nach Hollywood, ebnete ihm den Weg. Powerfrauen wie Stone, Salma Hayek oder Nicole Kidman verehrt der Wüstling aus Auckland, aber nach der Affäre mit Meg Ryan liebt er nur noch Danielle Spencer, eine Blondine aus der Gussform von Heather Locklear. Im Anschluss an ihren Film "The Crossing" (1990) wurden die beiden ein Paar, trennten sich später und heirateten schließlich 2003.
Inzwischen ist Crowe stolzer Vater von zwei Söhnen und irgendwann wird er diese Erfahrung bestimmt mit seiner Band "30 Odd Foot of Grunts" öffentlich machen. Grölend in der Stimme, melancholisch in den Texten - wie in seinen Songs über seinen Großvater ("Memorial Day") oder Daniel Pollock aus "Romper Stomper", der sich das Leben nahm ("The Night Davey Hit The Train").
Löwe und Lyriker war auch Kollege Richard Harris. Der Mann, den er Freund nannte. Wie Harris auch ihn: "Toller Kerl, liebt Rugby; brillanter Schauspieler, geliebter neuer Freund. Er reizt die Hollywood-Bosse bis zum Wahnsinn, ist aber viel zu gut, um von ihnen ignoriert zu werden."
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