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Biografie

Juliette Binoche, die international anerkannte französische Schauspielerin, ist aktuell in "Code: Unbekannt" von Michael Haneke zu sehen. Über das Leben sagt sie: "Filme sind offene Türen, und an jeder Tür ändert sich die Rolle und mein Leben... Ich lebe für die Gegenwart - immer. Ich trage dieses Risiko. Ich lehne mich nicht gegen die Vergangenheit auf, aber es geht eben immer nach vorne."

Ihre Schönheit, die so pur, unantastbar und souverän ist, dass man zu übernatürlichen Bildern greifen will, um sie zu beschreiben, gepaart mit einem extremen Talent - das kann tatsächlich kein Zufall sein.

Sie sieht aus, als ob die Tragik für sie erfunden wurde. Im Film ist sie die personifizierte Melancholie. Und trotzdem - Juliette Binoches Gesicht ist nicht hart, obwohl die Frau dahinter gezeichnet wirkt, sondern ganz sanft und zart. Mit Vorliebe spielt sie Rollen, die einem schwer im Magen liegen. Gefällt ihr eine Idee, ein Script, das Team hinter einem Film, taucht Binoche völlig ein in die Materie. Am meisten Befriedigung scheint ihr die Art von Arbeit zu verschaffen, die am meisten an ihr nagt.

So fährt sie Wasserski bei Null Grad Celsius, lässt ihren Körper schrumpfen, aufgehen, verbiegt ihre Sprache. Auch als "öffentliche Privatperson" scheut sie sich nicht, aus sich heraus zu gehen. Sie vergießt in einem Fernseh-Appell für die Kinder und Frauen Algeriens Tränen, kümmert sich als "Patentante" um Kinder aus Kambodscha - und trotzdem kann man sich dem Eindruck nicht entziehen, dass ihr Idealismus nicht von guter Eigen-PR herrührt, sondern von echter Güte.

"Ich habe meine Figuren im Film nie als traurig angesehen. Im Gegenteil - sie sind voller Leben. Sie haben sich nicht die Tragödie ausgesucht. Die Tragödie suchte sie aus." Besieht man sich die tragischen Figuren und Binoche, die durch sie zum Leben erweckt werden, wird es einem heißkalt. In sich zurück gezogen sind sie, scheinbar kühl, verletzt und doch so wunderschön, dass man sie zum Trost in die Arme schließen will.

Obwohl Juliette ständig durch "offene Türen" neuen Wegen entgegen schreitet, zieht sich die verletzliche, sinnliche Interpretation ihrer Charaktere wie ein roter Faden durch ihre Filmographie. Ist die Frau hinter der erschreckend schönen Hülle ein tragikgesättigter Ausbund an Melancholie? Binoche selbst würde lachend abwinken - natürlich ist sie das nicht.

Nicht die Tragik ist ihr in die Wiege gelegt worden, sondern das Drama. Ihr Vater ist der Theaterdirektor Jean-Marie Binoche, die Mutter die Schauspielerin Monique Stalens. Als Juliette vier war, trennten sich ihre Eltern, später wurde sie auf ein Internat geschickt. Beide Ereignisse sind für sie mit unangenehmen Erinnerungen verbunden. "Dadurch wurde ich unabhängig, und ich lernte das Schauspielen. Man musste sich selbst eine Privatsphäre einrichten, indem man jemand anderes war - selbst auf dem Spielplatz zwischen zwei Unterrichtsstunden."

"Realität hatte nichts mit dem zu tun, was um mich herum geschah. Realität war, was ich geschehen lassen wollte, ein Spiel."

Aus dem Spiel wurde ein ernsthaftes Studium. Binoche ging an das Conservatoire de Paris. Schon während ihrer Ausbildung trat sie in professionellen Aufführungen ihrer Schule auf, das erste mal mit 17 in "Le roi serment". Nach ihrer Ausbildung spielte sie neben der Arbeit fürs Theater in französischen Filmen. Der erste Kinofilm war "Liberty Belle" (1982) von Pascal Kane. Nur drei Jahre später, mit 21, wirkte sie in Jean-Luc Godards modernisierter Teenager-Version der biblischen Geschichte von "Maria und Joseph" mit.

Wenn Godards Film Binoches Karriere beschleunigte, war es André Téchinés "Rendez-Vous", der sie in die Höhe katapultierte. In Cannes wurde sie 1985 zur Besten Schauspielerin gekürt und sowohl von der Presse, als auch von den Kritikern, mit Lobpreisungen überschüttet.

"Es ist so seltsam - all der Kult um die eigene Person... Man wird nicht Schauspieler, um sich Preise abzuholen, sondern um interessante Geschichten zu erzählen, sich in andere Personen hinein zu versetzen und andere sich in die eigene Person versetzen zu lassen, um sich zu vergessen." Dies sagt Binoche, Oscarpreisträgerin seit Ende der Neunziger, rückblickend über ihre Karriere, die früh und glorreich begann, mit allerlei Auszeichnungen verziert wurde - und noch lange nicht zuende ist.

Ihre Stirn legt sich in Falten, wenn sie ernsthaft erklärt: "Die Rewards geben mir ein ungutes Gefühl. Und der Druck, den die Presse ausübt, noch viel mehr." Ihre Angst vor dem Verdorbenwerden ist irgendwie rührend, ganz und gar nicht verlogen.

Davon abgesehen würde man ihr alles glauben. Juliette Binoche geht ihre Arbeit stets ernsthaft an. Sie gehört zu den wenigen Menschen, die sich nie lächerlich zu machen scheinen, weil sie sich auch mit scheinbaren Fehlschlägen abfinden und weiter lächeln. Die Rolle der Cathy in der Verfilmung von Emily Brontes "Die Sturmhöhe", "Wuthering Heights", brachte ihr ausnahmsweise keinen Ruhm ein. Ein besonders charmanter Kritiker verglich ihren Akzent mit dem des "Pink Panther"-Kommissars Peter Sellers.

Das war nach der Carax-Zeit. Binoche hatte den jungen Regisseur Leos Carax kennen gelernt, als beide plötzlich zu den angesagtesten Figuren des französischen Kinos gehörten. Beruflich und privat waren sie liiert, und hat ihre Beziehung auch nicht auf Dauer gehalten - sie haben wunderbare Filme miteinander geschaffen.

"Die Nacht ist jung" ist eine futuristische Liebesgeschichte über drei Menschen und ein Virus, das, würde es existieren, das Problem mit der Überbevölkerung schon längst gelöst hätte. Bei Sex ohne Liebe wird es übertragen. Michel Piccoli und Denis Lavant ("Tuvalu") sind Binoches Männer im Film, dessen Originaltitel ("Böses Blut") viel aussagekräftiger ist.

Lavant und Binoche sind auch "Die Liebenden von Pont-Neuf". Die Geschichte um den Film ist mindestens genauso prominent wie der Film selbst. Drei Jahre lang bastelte Carax an seinem Werk, verschliß drei Produzenten, kämpfte um finanzielle Mittel und pushte seine Darsteller bis an ihre Grenzen. 130 Millionen Francs später war das Ding im Kasten. Der Aufwand, die Anstrengung, Carax, der seine Protagonisten so lange zurecht stutzt und formt, bis sie sich ideal in seinen filmischen Rahmen fügen - es hat sich gelohnt.

Die obdachlose Künstlerin Michele (Binoche), die nach und nach erblindet, trifft den Clochard und Feuerschlucker Alex (Lavant, der bei Carax immer Alex ist) auf der Brücke. Ihre absurde Liebe trägt sie in kosmische Sphären - die beiden sind eines der großen legendären Leinwandpaare.

Zwischen "Mauvais sang" und "Pont-Neuf" liegt "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins". Philip Kaufman verfilmte 1988 Milan Kunderas Roman, mit Daniel Day-Lewis, der zwischen dem zärtlichen Kopfmensch Teresa (Binoche) und der leidenschaftlichen, autarken Sabina (Lena Olin) sorgenlos hin- und herpendelt. Es war diese Rolle, die dem in Frankreich gefeierten Star internationale Anerkennung verschaffte.

Von all ihren schweren ästhetischen Filmen ist Binoche in Krzysztof Kieslowskis "Drei Farben: Blau" am schockierend-eindringlichsten. "Wenn man sich 'Blau' ansieht, fängt man an darüber nachzudenken, ob es im Film jemals eine schönere Frau gegeben hat als Juliette Binoche", schreibt ein Rezensent 1993. Eine Antwort ist unnötig, allein der Gedanke drückt aus, wie fesselnd die Binoche ist. Man folgt ihrer Figur im ersten Teil der Kieslowski-Trilogie, die nach dem Verlust der Lieben alle Brücken zur Vergangenheit verbrennt und schließlich doch den schmerzhaften Weg zurück gehen muss - und verliebt sich in jemanden, der von Einstellung zu Einstellung schöner wird.

"Dicke Lippen, dicke Titten - das ist nicht mein Stil."

Fast kommt so eine direkte Ansage aus dem Munde der zarten Juliette etwas, na ja, überraschend. Aber die Fragen nach ihrem Aussehen, ob sie sich selbst als verführerisch empfindet, müssen auf Dauer langweilig sein. Sowas führt sie gerne wieder auf die künstlerische Ebene zurück. "Ich bin von meiner Figur in 'Der englische Patient' verführt worden, weil Hana, die Krankenschwester, die ich spiele, nicht verführerisch sein will. Es ist ihre direkte und natürliche Seite, die mir gefällt. Ich hasse die Art von Verführung, die inszeniert ist."

Sie ist nicht die einzige Verführte. Auch die Jury der Academy Awards waren von Binoches Hana so hingerissen, dass sie 1997 mit dem Oscar für die beste Nebendarstellerin ausgezeichnet wurde. Eine große Überraschung für alle Beteiligten, inklusive Binoche, die angenommen hatte, dass Lauren Bacall geehrt werden würde.

Anthony Minghellas "Patient" ist ein monumentales Werk, voll von schwüler Tragik und der sich wiederholenden Erinnerung: Liebe ist gleich Verlust. Obgleich der kanadischen Krankenschwester Hana im Film eine geringere Bedeutung zu kommt als im Buch, ist sie es, oder vielmehr Juliette Binoche, die ihn trägt und zusammen hält. Sie kümmert sich um den Film, wie die Schwester um den verbrannten Patienten (Ralph Fiennes). Es tut gut, dass in der Drei-Stunden-Doku einer zum Scheitern verurteilten Liebe auch gelacht, getanzt und gespielt wird, Krähen weggejagt werden und Röcke fliegen. Dank Binoches Leistung ist der Film ein ausbalancierter Gefühlsakt.

Weniger balanciert war zu der Zeit Juliettes Beziehung zu dem Schauspieler Olivier Martinez. Das Leinwandpaar in Jean-Paul Rappeneau "Der Husar auf dem Dach" (1995) hatte sich auch hinter der Kamera verliebt. Als Binoche die Rolle im "Patienten" akzeptierte, rebellierte Martinez, weil er gegen die lange Trennung war. Schließlich entschied sich Binoche für die Karriere und das Paar trennte sich. Eine spitzzüngige Kritikerin merkte an, dass Olivier ein wenig dämlich und glanzlos erschien - ganz im Gegenteil zu Binoche - aber dass er abseits der Leinwand offensichtlich etwas aufregender sein müsse, da er Binoches Freund gewesen sei.

Auch ihren jetzigen Partner, den 12 Jahre jüngeren Benoit Magimel, lernte sie am Set kennen. Juliette spielte die Schriftstellerin George Sand in "Les enfants du siecle", die eine Affäre mit Alfred de Musset (Magimel) eingeht. Wie produktiv die Dreharbeiten gewesen sein müssen, konnte man auf der Pressekonferenz sehen. Binoche betrat den Raum - hochschwanger -, und den anwesenden Photographen war es strikt untersagt, ihren Bauch abzulichten. Dieser Zug löste damals großen Ärger über die Darstellerin aus.

"Ich tue alles, was in meiner Macht steht, um mein Privatleben zu schützen. Es ist mein geheimer Garten, und in jedem Garten gibt es Blumen, die man verstecken muss."

Ihre Tochter Hana (die Namensverwandschaft zu der Krankenschwester Hana ist kein Zufall) ist ihr zweites Kind. Sohn Raphael ist 1993 geboren, sein Vater ist der Profitaucher Andre Halle. Juliette lebt mit ihrem Partner, aber für ihre Kinder, so scheint es. Die Kinder haben Priorität, auch vor ihrer Arbeit. Sie selbst begründet dies vor allem mit der Tatsache, einer zersplitterten Familie zu entstammen, die von Trennungen und Disharmonie gekennzeichnet war.

Juliette Binoche nimmt sich Zeit und ist wählerisch. Sie muss ihren Familiensinn, die Liebe zur Arbeit und ihre hohen Anforderungen an die Qualität von Drehbüchern miteinander vereinbaren können, nur dann entscheidet sie sich für ein Projekt. Nicht nein sagen konnte sie z.B. zu Andre Techine, mit dem sie bei "Alice und Martin" 1998 ein zweites mal zusammen arbeitete (nach "Rendez-Vous" von 1985).

2000 drehte sie drei Filme: "Chocolat", "Code: Unbekannt" und "Die Witwe von Saint-Pierre". "Die Witwe" - so wird die Guillotine genannt, mit der der naive Neel (Emir Kusturica) exekutiert werden soll. Er hat einen Mord begangen, ist aber kein Mörder, und während er auf seine Hinrichtung wartet, entwickelt sich eine Beziehung zu der Frau seines Wächters. Binoche spielt diese Frau, die Madame La, die ihm das Lesen und das Leben nahe bringt.

Wieder eine Binoche-Rolle - eine Frau, die für einen Mann sorgt, stärker und wissender ist als er. Daniel Auteuil ist die zweite männliche Ecke im Personen-Dreieck von Patrice Lecontes nebeligem Werk. Und wieder eine Frau, die einen Mann an sein Ende begleitet. Man könnte zu der Einsicht gelangen, dass Binoche sich eben die Figuren wählt, die von der Tragödie in Beschlag genommen wurden.

"Ich will eine Geschichte erzählen, an die ich glaube."

Eine klar formuliert Philosophie, die auch ihr Lebensmotto ist. Dazu passt ihre Forderung (aus ihrer Eröffnungsrede der Cesar Awards 1998) "Lasst uns Filme machen, die brennen, die gefrieren, keine lauwarmen Filme... sie müssen erstaunen, wach rütteln" und die Tatsache, dass Binoche mit ihrer Millionen-Gage als Lancome-Model "ihren" kambodschanischen Kindern hilft.

Das ist das Wunderbare an ihr: Juliette Binoche belässt es nicht bei emotionalen Appellen und idealistischen Forderungen, sie geht den Weg bis zum Ende.

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