"Meine Seelenverwandten sind Dennis Hopper und Klaus Kinski, nicht Kevin Costner und Hardy Krüger"
Die Karriere brummt. Während im Kino die romantische Komödie "Frau2 sucht HappyEnd" anläuft, in der Ben Becker den introvertierten Radiomoderator Gregor spielt und u.a. auch selbst zu Jazzrhythmen singt, zeigt ein Blick ins TV-Programm den omnipräsenten Becker.
Die Aufzählung ist ein Zufallsprodukt. Und doch: Sie zeigt das schauspielerische Multitalent, das sich unbekümmert an (fast) alles wagt. Nach der Schauspielschule übernimmt Becker anfangs Theaterengagements und spielt bald Hauptrollen in Inszenierungen des Hamburger Ernst-Deutsch-Theaters, des Hamburger Schauspielhauses, des Stuttgarter Staatsschauspiels und der Schaubühne Berlin.
Eine für ihn wichtige Rolle war der Ferdinand in Friedrich Schillers "Kabale und Liebe", und sein Thybalt in "Romeo und Julia" am Hamburger Schauspielhaus ließ die Kritik früh aufmerken.
Neben dem Theater macht Becker in vielfältigen Fernsehrollen Furore. Er tritt in Fernsehfilmen und Serien gleichermaßen auf. Er ist im "Tatort" zu sehen oder im "Polizeiruf 110". Zweimal wurde er bisher mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet: "Landschaft mit Dornen" (1992) und "Polizeiruf 110 - Totes Gleis" (1994). Er wird zum Spezialisten für "schwierige" Rollen, Außenseitergestalten, Schurken - aber mit Gefühl.
Das Talent hat der am 19. Dezember 1964 in Bremen Geborene offensichtlich geerbt. Er ist der Sohn des Schauspielerpaars Rolf Becker und Monika Hansen, das sich bald nach seiner Geburt trennt. Becker zieht mit seiner Mutter zu ihrem neuen Lebensgefährten dem Berliner Star Otto Sander, der sein Adoptivvater wird. Mit seiner Schwester, der heutigen Schauspielerin Meret Becker, wächst er in der Metropole auf. Beckers Großmutter Kläre Schlichting war Komikerin. Ein Großvater verdiente sein Geld als Tänzer, ein Onkel als Akrobat.
Sein Filmdebüt gibt Becker bereits 1983 mit einer kleinen Rolle in Andrzej Wajdas "Eine Liebe in Deutschland" neben Armin Mueller-Stahl und Hannah Schygulla. Heute zählt er selbst zu den Stars des deutschen Films. Drei Rollen waren dafür letztlich verantwortlich, zwei unter Regisseur Joseph Vilsmaier. 1995 ist Ben Becker in "Schlafes Bruder" (der Verfilmung des komplexen Romans von Robert Schneider) der Peter, der schwule und einzige Freund des Helden Elias.
Becker: "Die Rolle war für mich grundsätzlich wichtig, weil ich aus meiner Schublade als Macho rausgekommen bin". 1997 spielt Becker den Robert Biberti (den mit der tiefen Stimme) in Vilsmaiers Erfolgsfilm "Comedian Harmonists" - das gesamte Schauspielerensemble der "Comedian Harmonists" wird 1998 mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet.
Seine beste Kinoarbeit aber liefert Becker unter der Regie von Rolf Schübel in "Ein Lied von Liebe und Tod" im Jahr 1999. Als deutscher SS-Offizier zerstört er das sensible Liebesdreieck zwischen einem ungarischen Pianisten, einem jüdischen Restaurantbesitzer und einer alle verzaubernden Frau. Dem sensiblen Melodram Schübels ("Nachruf auf eine Bestie") verleihen erst Becker und sein filmischer Gegenspieler und Kollege Joachim Król die notwendige Glaubwürdigkeit. Der Film markiert auch die erste gemeinsame Arbeit mit Rolf Becker, seinem leiblichen Vater.
Doch mit Theater, Film und Fernsehen scheint das Multitalent Ben Becker, der sich mit Boxen und Reiten fit hält, noch nicht genügend ausgelastet. Er betätigt sich zuweilen auch als Autor und Regisseur. 1995 inszenierte er seine Punk-Hommage "Sid & Nancy" (mit Meret Becker in der weiblichen Hauptrolle). 1997 veröffentlicht er nach eigenen Texten seine erste CD "Und lautlos fliegt der Kopf weg". Die offenbart einmal mehr Beckers Faszination für gesellschaftliche Außenseiter. Das Booklet der CD enthält als Bonus gleich noch eine Kurzgeschichte des Autors Becker.
1999 spielt er Fassbinders Lieblingsfigur, den Franz Biberkopf im Stück "Berlin Alexanderplatz". Becker veranstaltet Lesungen in Theatern und Kneipen. In diesem Frühjahr eröffnete er in Berlin, gemeinsam mit einem Freund, seine eigene Gaststätte, die "Trompete" am Lützowplatz. Dort kann er jetzt das Geld vertrinken, das er sonst in seinen Lieblingsbars dem "Schwarzenraben" oder der "Paris Bar" ließ. Wenn ihm in Berlin alles zuviel wird, reist Becker gerne nach Irland, besucht dort Freunde und entspannt sich mit Angeln.
Das Image des wilden Manns, das Becker, in seiner Jugend kurzfristig auch Punk, in Berliner Szenekreisen durchaus genießt, bestätigte er unlängst einmal mehr, als er in der TV-Talkshow "Beckmann" dem seifigen Saubermann Guido Westerwelle ein Piece in die Hand drückte. Becker: Das entspanne ein wenig. Letzthin sollte Becker am Potsdamer Platz Alfred Döblin vorlesen. Becker: "Davon habe ich Abstand genommen und eine Rede gehalten über Großkapital und Architekten und dann eine rote Fahne gehisst. Ich überlege schon, in welche Richtung und warum ich provoziere".
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