Nur neun Filme hat die Darstellerin, die stets völlig hinter ihren Rollen verschwindet, in 15 Karrierejahren gedreht. Vielleicht, weil sie schwer einzuschätzen ist, gibt es doch eine starke Kluft zwischen Person und öffentlicher Wahrnehmung.
Eigentlich ist Gillian blond, obwohl sie dank "Akte X" jahrelang Rot tragen musste. Eigentlich ist sie vom Wesen her nicht kontrolliert und im Kern sanft wie Agent Scully, sondern gelebte Unruhe mit Punk-Vergangenheit. Und eigentlich fühlt sie sich als Britin, obwohl sie in Chicago zur Welt kam.
15 Monate lebte Gillian in Puerto Rico, dann zog sie mit ihren Eltern nach London. Mit elf traf sie ein Doppelschock: Erst musste sie das geliebte Tee-Territorium verlassen und in die USA zurückgehen, dann vergrößerte sich die Familie um Bruder und Schwester. "Ich fühlte mich verlassen", blickt sie auf eine Zeit zurück, in der sich nicht nur der Fokus der Eltern veränderte. Irokesenschnitt, Nasenring und frühe sexuelle Erfahrungen begleiteten die Wandlung zum Punkgirl. Die Eltern waren wenig begeistert - im Unterschied zu den Neo-Punkern "Young Hasselhoffs", die ihr später einen Song widmeten.
Mit 14 landete Anderson beim Therapeuten, noch heute ein Fixpunkt in ihrem Leben. Dort wurde ergründet, warum sich die Rebellin im Theatersaal ankettete, die Türschlösser ihrer Schule verklebte, manchmal einfach ein Miststück war: "Sarkasmus war Teil meiner Persönlichkeit. Aus heiterem Himmel warf ich Leuten Sachen an den Kopf, die sie völlig fertigmachten. Dann drehte ich mich um und ging."
Heute hat Gillian andere Hobbys, sammelt Kunst und Häuser, die sie umstylt und wieder verkauft. Seit sie mit 14 in einer Schulaufführung die Julia spielte, hat sich der Kindertraum, Archäologin oder Marinebiologin zu werden, in Luft aufgelöst. Nach dem Schauspielstudium in Chicago kellnerte sie eine Zeitlang in New York, teilte dabei gastronomisch und verbal aus - was sie heute noch bedauert.
Mit dem Umzug nach L.A. kam ihr Filmdebüt im Drama "The Turning" und ihr von Internet-Geeks gefeierter Nacktauftritt in der Rolle einer Kellnerin. Kurz darauf drehte Gillian die erste von 196 Folgen "Akte X". Eine glückliche Fügung, weil Jennifer Beals die Rolle neben David Duchovny, von dem sie sich bereits in Yale amourös verfolgt fühlte, abgelehnt hatte.
Schon im zweiten Drehjahr kam Andersons Impulsivität zurück. Gillian holte sich einen Klotz mit Vornamen Clyde ans Bein, brachte Tochter Piper Maru zur Welt und mit der Schwangerschaft ihre Produzenten in Schwierigkeiten. Die Serie hielt mit neun Jahren dreimal länger als die Ehe und schränkte Gillians Ausflüge ins Kino ein.
In "The Mighty" wurde sie als Biker-Girl fast von James Gandolfini erwürgt, in "" war sie beziehungsgeschädigt und gehemmt, in der Edith-Wharton-Verfilmung "Haus Bellomont" eine Frau von Anstand, die von der Gesellschaft in den Selbstmord getrieben wird. In der Komödie "A Cock and Bull Story" spielte sie sich selbst - einen Star mit unterkühlter Erotik.
Erst auf den zweiten Blick erkennt man sie oft - auch in "Der letzte König von Schottland - In den Fängen der Macht", wo sie einem schottischen Arzt in Afrika sofort den Kopf verdreht. Das gelang ihr auch mit dem in Kenia geborenen Journalisten Julian Ozanne, den sie 2004 so überraschend heiratete, wie sie 2006 Sohn Oscar zur Welt brachte. Letzterer stammt allerdings von Geschäftsmann Mark Griffiths, mit dem Anderson heute in London lebt.
Gillian Anderson, demnächst Racheengel im Vergewaltigungsthriller "Straightheads" bleibt unberechenbar und außer Kontrolle: "Normalität bedeutet für mich Mittelmaß - und Mittelmaß jagt mir eine Höllenangst ein."
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