Er dreht und dreht, der 70-jährige Claude Chabrol. Diesmal wieder mit seiner Lieblings-Schauspielerin Isabelle Huppert. Als Erbin eines Schokoladenimperiums ist sie dem frisch angetrauten Gatten eine gute Frau und dem Stiefsohn eine fürsorgliche Mama. Aber wehe, jemand kommt ihr in die Quere und stört das Familienglück. Da greift die großbürgerliche Madame zur gefährlichen Selbsthilfe.
Der Franzose Chabrol gilt als Kenner weiblicher Psyche, macht er doch die besten "Frauenfilme". Frauen sind bei ihm nicht die besseren, aber oft die durchtriebeneren Menschen, die ihr einmal gestecktes Ziel konsequent verfolgen, aber auch Opfer gesellschaftlicher Umstände. In seinem neuen Psychothriller nimmt er "pervertiertes Verhalten" unter die Lupe. Isabelle Huppert, seit "Die Spitzenklöpplerin" (1977) eine von Chabrols bevorzugten Heroinen, spielt Marie Claire "Mika" Muller, angesehene Erbin einer Schokoladenfabrik, die (zum zweiten Mal) den introvertierten Pianisten Polonski heiratet, nachdem dessen Ehefrau tödlich verunglückte. Liebevoll umsorgt sie den zerstreuten Mann und den Stiefsohn, verwöhnt die Herren mit heißer Schokolade vor dem Zubettgehen. Dieses nur vordergründig stabil scheinende Familiengefüge stört die junge Jeanne, die glaubt, bei der Geburt vertauscht und die legitime Tochter Polonskis zu sein. Nicht nur, dass sie dessen verstorbenen Frau ähnlich sieht, sie verfügt auch über ein ausgeprägtes musikalisches Talent, was dem Sohn fehlt und - das Schlimmste - erweckt die väterliche Sympathie des sonst so zurückgezogenen Polonski, der ihr sogar Klavierstunden gibt. Mika macht gegen den Eindringling mobil.
In der sauberen Schweiz siedelt Chabrol diese menschliche Tragödie an, in der es trotz des "süßen Giftes" seltsamerweise zu keinem Mord kommt. Nur langsam lüftet er den Schleier über die wahre (schizophrene) Persönlichkeit der Hauptfigur, die sich an feste Strukturen klammert, eifersüchtig ihren emotionalen "Besitzstand" verteidigt. Aber die sozialen und gesellschaftlichen Sicherheiten schmelzen bei allen Beteiligten dahin, sie müssen sich der Wahrheit stellen: Polonski, der die seelischen Abgründe der Angetrauten ahnt, der an seiner Abstammung zweifelnde Stiefsohn, die vergeblich auf eine Ersatzfamilie hoffende Jeanne. Und natürlich das allseits sanfte Weib, das sich selbst eine heile Welt vorgaukelt und krampfhaft Normalität aufrechterhalten will bis das feingesponnene Lügennetz am Ende zerreißt. Bestechend die beklemmende Atmosphäre, in der jeder ein kleines Geheimnis mit sich herumträgt, lang verdrängte Gefühle sich sukzessive hinter der freundlichen Maske bis zur Entladung aufbauen. Zwar sind nicht alle Handlungsstränge nachvollziehbar, aber es geht auch nicht um Logik, sondern um die Begehrlichkeit des Bösen. Und in deren subtilen Schilderung bleibt der Franzose immer noch ein Meister. mk.
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