Was hinterlässt man seinen Kindern, wenn man an Aids stirbt? In Uganda schreiben Eltern dafür in so genannten Memory Books ihre Familiengeschichte auf. Christa Graf dokumentiert individuelle Schicksale.
Zurückhaltend, einfühlsam, aber nie gefühlsduselig beschreibt Graf, die über 50 TV-Reportagen verbuchen kann, ein Afrika, das man in endemischem Rhythmus fernab aller touristischen und politischen Klischees hautnah erfährt. Allein im ostafrikanischen Uganda gibt es zwei Millionen Aids-Waisen, ungezählt sind die auf sich selbst gestellten Witwen. Armut, Bildungsmangel, Analphabetismus und patriarchale Strukturen sind der ideale Nährboden für die epidemische Ausbreitung der Immunschwächekrankheit, die das Land im Griff und grundlegend verändert hat. Prostitution und eklatante Unwissenheit über Ansteckungswege haben heutige Verhältnisse erst ermöglicht.
Wie tief die Krankheit in die Gesellschaft vorgedrungen ist und wie radikal sie alles verändert, wird an einigen persönlichen Beispielen ersichtlich. Infizierte Eltern, das sind in erster Linie die Mütter, weil die Väter sich zuerst den Virus einfingen und dann weitergaben, schreiben gemeinsam mit ihren Kindern Erinnerungsbücher, die "Memory Books". Die so erstellte Familiengeschichte soll dem Nachwuchs Halt geben, sie auf ein Leben ohne Eltern vorbereiten. Das zwingt jung wie alt, sich mit Tod, Verlust und Trauer auseinanderzusetzen bzw. zu bewältigen. Mag das Land auch von der Seuche gezeichnet sein, "Memory Books" ist kein Klagelied, sondern berichtet von starken Frauen, denen gar nichts anderes übrig blieb, als ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen, seit ihre Männer und Ernährer gestorben sind.
Verantwortung übernehmen, sich seinen Ängsten stellen und nicht verzweifeln, wenn man HIV-positiv getestet wird - das sind die wichtigsten und zugleich schwersten Aufgaben. Die 1992 in Uganda gegründete NACWOLA, eine Frauenorganisation für Aids-Hilfe, will mit ihrem Projekt verhindern, dass eine Tradition abbricht, weil sie nicht mehr weitergegeben werden kann. Deshalb sollen die Betroffenen, auch wenn sie kaum das Alphabet beherrschen, alles aufschreiben. Ihre Geschichten, Märchen und Lieder vermitteln dem Nachwuchs Wurzeln und Lebenstüchtigkeit, die andernfalls binnen einer Generation verloren gingen. Christa Graf schildert nicht nur Probleme, sie widmet sich einem viel versprechendem Lösungsweg. Ihr Film gewinnt nicht nur durch ein wichtiges Thema Bedeutung, sondern auch durch die besonnene, kompetente Inszenierung.
tk.
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