Das Kinodebüt von Werbefilmer Michael Cuesta erweist sich den Empfehlungen amerikanischer Kritikervereinigungen und internationaler Festivaljurys würdig. Liebhaber anspruchsvoller Angebote des US-Independentkinos, von Larry Clark ("Kids") bis hin zu Todd Solondz ("Happiness"), wird dieser Spielfilmerstling nicht enttäuschen. Souverän und selbstsicher inszeniert, erzählt er von der emotionalen und sexuellen Orientierungssuche eines 15-Jährigen, der sich den hereinbrechenden Katastrophen seines noch jungen Lebens allein stellen muss.
Dass ausgerechnet ein älterer Ex-Marine mit zwanghafter Neigung zur Verführung oft noch minderjähriger junger Männer sich ihm als väterlicher Freund anbietet, mündet in eine glänzend gemeisterte Gratwanderung zwischen Verachtung, Verwirrung und Spurenelementen von Sympathie. Brian Cox, zuletzt in "The Ring" von der eigenen Tochter in den Freitod gequält, bewegt sich meisterlich in der explosiven Grauzone zwischen Mensch und Monstrum. Cuesta und sein Koautor Steve Ryder lassen keine Zweifel daran, dass Big John (Cox) skrupellos verführt, manipuliert und pädophile Tabubereiche tangiert. Dämonisiert wird diese Figur dennoch nicht, sondern ihr mit Selbsterkenntnis der Fragwürdigkeit des eigenen Handelns ein menschliches Gesicht gegeben. Trotzdem verliert man als Zuschauer nie das Unbehagen, mit dem der Film ohne platte Standpunktbeziehung provokativ spielt.
Zu Beginn erinnert manches an die milieustarken, um Authentizität bemühten Teen-Porträts Larry Clarks, wenn der 15-jährige Protagonist Howie (exzellent: Paul Franklin Dano) mit dem jungen Stricher Gary und zwei pubertierenden heterosexuellen Hormonsilos herumhängt. Im Unterschied zu Clark zeigt Cuesta aber auch biographischen Background, zeichnet Howies, in schmutzige Geschäfte verwickelten Vater überfordert von der Situation, den Sohn nach dem Unfalltod seiner Frau nun allein großziehen zu müssen. In wenigen, zärtlichen Bildern macht Cuesta den Verlust der Mutter auch bei Howie deutlich und skizziert seine Verunsicherung über die erotische Neugier, die er für Gary entwickelt. Der titelgebende Freeway wird zur Lebensmetapher des Teenagers, betont als Abkürzung aber auch die Lüge (L.I.E.), die ihn durch den Vater, aber auch Gary trifft. Durch den Verrat dieser Figuren driftet Howie in die Nähe Big Johns, der ihn nach einem Einbruch erpresst, in ihm dann aber einen Menschen erkennt, den er retten und nicht brechen will.
Dank guter Kameraarbeit und einem atmosphärisch stimmigen, ungewöhnlichen Soundtrack merkt man dem Film sein geringes Budget genauso wenig an wie das Gewicht seiner Themen. "Long Island Expressway" ist weder schwermütig noch sentimental, sondern sensibel und sogar humorvoll. kob.
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