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Letzte Runde Filmkritik

"Letzte Runde" Filmkritik

Film
Letzte Runde
Autor
anonymous
Filmkritik vom
2008-04-07 18:01:20
Bewertung
4/5 4 stars
Quelle
www.kino.de
Filmkritik

Dem allgemeinen Kinotrend hin zur meist oberflächlichen, Action- und Effekte-bestimmten Unterhaltungsware stellt Fred Schepisi mit "Last Orders" eine großartige Charakterstudie entgegen, die durch ihre einfühlsamen Erzählweise besticht. Vor der Kamera konnte der Regisseur mit Michael Caine, Bob Hoskins, Tom Courtenay und Helen Mirren die erste Garde der britischen Schauspielelite versammeln, die das Cockney-Drama zu einem heißen Tipp für anspruchsvolle Kinofans werden lässt.

Ausgangsbasis des Films ist der mit dem Booker Prize ausgezeichnete Roman von Graham Swift, der es sich lange überlegte, Schepisi und dessen Produzentin Elisabeth Robinson die Rechte für die Verfilmung zu überlassen. Nicht jeder Regisseur, so die Meinung des Autors, hätte nämlich das richtige Gespür für die eigenwilligen britischen Charaktere und deren sozialen Hintergrund. Doch der Australier Schepisi, sattelfest in einer Vielzahl von Genres, wie "Die Ballade vom Banditen Barbarosa", "Das Rußlandhaus", "Roxanne" oder "Eine demanzipierte Frau" beweisen, war sicherlich der richtige Mann für diesen komplexen, dialoglastigen und facettenreichen Stoff, der sich über einen Zeitraum von 60 Jahren spannt und deren Geschichte von verschiedenen Gesichtspunkten aus erzählt wird.

Im Mittelpunkt der Story stehen die Kumpels Ray, Jack, Vic und Lenny, die zusammen im hemdsärmeligen Osten von London aufgewachsen sind. Ihren Feierabend verbringen die seit Jahren befreundeten Herren in ihrer Stammkneipe, wo Bier und Whisky in Strömen fließen, während Womanizer Jack das Wort führt und die Lacher auf seiner Seite hat. Jetzt aber ist die Stimmung getrübt. Jack, der allseits beliebte Metzger, ist nach langer Krankheit gestorben und hat in seinem Testament bestimmt, dass die verbliebenen Kumpels seine Asche im Meer verstreuen sollen. Gemeinsam machen sich die Drei mit Jacks Sohn Vince nach Margate auf, jenem Ferienort, an dem Jack mit seiner Frau Amy (solide wie immer: Helen Mirren) am Vorabend des Zweiten Weltkriegs die Flitterwochen verbrachte und wo sie sich auch zur Ruhe setzen wollten.

Ausgang nehmend von dem Tresen, an dem die jolly good fellows so manchen Drink kippten, entwickelt Schepisi, der auch für das durchdachte Drehbuch verantwortlich zeichnet, ein Road Movie, das quer durch England und gleichzeitig in die Vergangenheit seiner Helden führt. Da erfährt man in zahlreichen geschickt montierten Flashbacks, wie Jack und Ray sich während des Krieges in Ägypten kennen lernten, von der kurzen Liaison zwischen Ray und Amy, von Jacks behinderter Tochter June, die ihr Leben lang in einem Heim zubrachte, und den ewigen Streitereien zwischen Jack und Vince, der sich sehr zum Ärger des Vaters weigerte, die Metzgerei zu übernehmen und stattdessen Autohändler wurde. So entsteht, einem Mosaik gleich, ein Sittenbild der englischen Arbeiterklasse, das weder anklagt noch verherrlicht, weder in Nostalgie schwelgt noch die "gute alte Zeit" beschwört. Schepisi hat einfach die kitchen sink dramas des Free Cinemas von Reisz, Richardson und Anderson "weitergedacht" und deren dokumentarischen Ansatz dramaturgisch verfeinert.

Konsequent hat der Regisseur dabei die "Helden" von damals, die Ikonen des "Neuen Britischen Kinos", in den zentralen Rollen besetzt: Den ewigen Verführer Michael Caine aus "Alfie", den "einsamen Langstreckenläufer" Tom Courtenay, David Hemmings, den Pop-Fotografen aus "Blow Up", und - eine Generation jünger - den quirligen Underdog Bob Hoskins, der als gewitzter Rennbahn-Zocker und Wohnmobil-Fan die dankbarste Rolle des Films hat. Nicht minder großartig - und dies ist wohl ein Verdienst der Casting-Abteilung - die Besetzung dieser Herren als junge Männer. Brillant dabei und ohne die Leistung von Anatol Yusef (Ray), Nolan Hemmings (Lenny) oder Cameron Fitch (Vic) schmälern zu wollen: JJ Field als Jack, der es versteht, Mimik, Gestik und sogar die Stimmlage des großen Michael Caine perfekt zu imitieren.

Zusammengehalten wird diese intelligente, streckenweise komische wie tragische Nabelschau von der unauffälligen Kameraarbeit Brian Tufanos ("Trainspotting"), der Innen und Außen, Vergangenheit und Gegenwart ganz mühelos miteinander in Einklang bringt und dem in Produktionsdesigner Tim Harvey einen kongenialer Partner zur Seite stand. Einziger Wermutstropfen die deutsche Synchronisation, bei der der wunderbare Cockney-Akzent, der den Figuren viel von ihrer Farbe gibt, auf der Strecke bleibt. Bleibt zu wünschen, dass die Columbia dieses zugegebenermaßen nicht gerade einfache Werk ebenso sorgfältig betreut wie beispielsweise ihren Selbstläufer "Men in Black 2". geh.

Copyright © www.kino.de 2008.



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