Zum vierten Mal präsentierte sich Zhang Yimou im Wettbewerb am Lido und gewann den "Goldenen Löwen" für sein Drama um eine junge Landlehrerin, die alles daran setzt, einen in der Stadt verloren gegangenen Schüler, wieder zurückzuholen.
Die Jury-Entscheidung, den Chinesen - nach einem "Silbernen Löwen" 1991 für "Die rote Laterne" und einem "Goldenen" 1992 für "Die Geschichte der Qui Ju" - erneut auszuzeichnen, stieß nicht nur auf Zustimmung. Der Film, den Cannes wegen "Propaganda" abgelehnt haben soll, ist gleichwohl bieder und bewegend inszeniert, für die chinesischen Machthaber sicherlich "political correct". Denn staatskonform erzählt der Venedig-Veteran vom einfachen und mühsamen Leben auf dem Land, wo die erst 13-Jährige Wei Minzhi den Lehrer vertritt und Mühe hat, sich gegenüber den fast gleichaltrigen Schülern durchzusetzen. Sie interessiert sich nicht sonderlich für Wissensvermittlung, sondern hauptsächlich dafür, daß ihr keiner entwischt, wurden ihr doch zehn Yuan extra versprochen, wenn sie alle Eleven bei der Stange hält. Als der zehnjährige Zhang Huike nicht zum Unterricht erscheint, weil er in der Stadt Geld für seine verschuldete Familie verdienen muß, macht sich das couragierte Mädchen auf die Suche nach dem Jungen.
Bei dieser Odyssee läßt Zhang Yimou rückständiges Land- und modernes Stadtleben aufeinanderprallen, zeigt zwei gegensätzlich erscheinende Kulturen eines Landes im Aufbruch. Laiendarsteller spielen sich quasi selbst, was dem Film zusätzliche Authentizität verleiht. Aus tausenden von jungen Mädchen wurde Wai Minzhi ausgesucht, die erst nur als "zweite Wahl" galt, dann aber im Screen Test überzeugte und inzwischen schon weitere Schauspielangebote erhält. Um Naturalismus zu erzeugen, gab Zhang Yimou den Mitwirkenden kein Buch, sondern erklärte ihnen Szenen und Reaktionen, die sie dann aus ihrer Alltagserfahrung heraus nachahmten. Die Kamera und das technische Equipment hielt man bei den Dreharbeiten möglichst im Hintergrund, um die natürliche Atmosphäre nicht zu stören. Die Geschichte des Provinzmädchens, das gegen jede Vernunft und mit großer Zähigkeit sein Ziel verfolgt, berührt, ahnt man doch seine Verzweiflung. Etwas übertrieben hilfsbereit wirken dagegen die Stadtmenschen. Zwar gibt es auch Bürokratie und Betonköpfe in diesem Film-China, doch im Prinzip ist der Durchschnittschinese hart aber gut, auch wenn er sich gerne an starre Regeln hält. Wenn am Ende Wai Minzhi gar in einer TV Talk-Show ihr Anliegen verkünden und die Tränen rollen lassen darf, wähnt man sich im ersten chinesischen "Feel Good Movie". mk.
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