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Erst Monster und jetzt ein fliegender Opa: Pete Docter hat nicht nur fantastische Ideen, er darf sie auch in einer der beliebtesten Kreativschmieden der Welt verwirklichen - bei Pixar.
Wir trafen den Regisseur von " Monster AG" und "Oben" an seinem Arbeitsplatz in Emeryville, nahe bei San Francisco, wo er und die anderen Animationsgenies täglich neue Welten erschaffen, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Ein Gespräch über einsame Dollarnoten, Inspiration in 2810 m Höhe und Helden im Rentenalter.
Pixar-Kreative wie Sie entdecken kleine Wunder in Schreibtischlampen, Insekten und anderem. Sehen Sie die Welt mit anderen Augen als wir Normalos?
Ich denke schon. Ich glaube, das macht einen Künstler erst aus. Es geht nicht darum, mit welchen Techniken sie zeichnen oder schreiben oder filmen. Es ist viel wichtiger, was sie zu sagen haben. Das ist Pixar-Chef John Lasseter wichtig: Er möchte, dass jeder Regisseur seine eigenen Vorstellungen verwirklicht. Das macht uns zu einem sehr auf den Regisseur fokussierten Studio. Ein Brad Bird [Regisseur von "Ratatouille" - Anm.d.Red.] hat einen bestimmten Blickwinkel auf die Welt und die Dinge, die er bedeutsam findet. Und die werden dann als Motive in seinen Filmen aufgegriffen. Für mich sind wiederum andere Dinge wichtig.
Wenn Sie lange genug meine Schuhe oder Ihren Stuhl betrachten, werden die dann auch lebendig? Sehen Sie eine Geschichte?
Ja, natürlich. Das war schon immer so, seit meiner Kindheit. Ich hatte mal einen Dollarschein, mit dem ich mir etwas gekauft habe, und ich musste danach weinen, weil ich mir vorstellte, dass der Schein ohne mich und meine anderen Dollars ganz alleine ist. Diese Personalisierung von Gegenständen spielt überall mit hinein.
Der Held in „Oben" ist ein mürrischer alter Mann. Kam Ihnen nie der Gedanke, dass das eine gute und mutige, vielleicht aber auch eine riskante Idee sein könnte?
Zu jenem Zeitpunkt dachten wir nur „Hey, das ist eine gute Idee", weil wir so etwas noch nie davor gesehen hatten. Es hatte großes Potential für Humor und, je tiefer wir uns einarbeiteten, auch für Emotionen. Das schienen alles Dinge zu sein, nach denen man in Filmen immer sucht. Wir hatten so etwas noch nie gemacht. Ich glaube nicht, dass es bei den Treffen mit John Lasseter [Pixar-Chef - Anm.d.Red.] oder den anderen Regisseuren je angesprochen wurde, dass dies riskant sein könnte. Es war einfach eine gute Möglichkeit, eine Geschichte zu erzählen.
Glauben Sie - oder haben Sie bereits die Erfahrung gemacht - dass Kinder die Sorgen eines 70 Jahre alten Mannes verstehen und mit ihm fühlen können?
Ja, das können sie. Sogar bei längeren Szenen, bei denen ich dachte, dass die Erwachsenen mitkommen, aber die Kinder vielleicht nicht, waren sie konzentriert dabei. Natürlich haben sie nicht denselben Bezug dazu wie eine Erwachsener, wenn sie das gemeinsame Leben von Carl und Elli sehen, aber sie sitzen da, schauen zu und sind sehr aufmerksam. Klar, sie lieben die Sachen mehr, von denen wir wussten, dass sie sie lieben würden: den sprechendem Hund, den Vogel - eben die lustigen Animationen. Aber um wieder auf die Frage zurückzukommen: Als langjähriger Trickfilmzeichner sieht man überall Möglichkeiten und Potential schauspielerischer Art, und den Spaß, den man damit vermitteln kann.
Gibt es eine reale Person, die als Inspirationsquelle für den alten Helden Carl diente?
Carl ist eine Kombination aus einer Menge von Einzelheiten. Mein Großvater hatte diese schlohweißen Haare und natürlich sind da auch ältere Menschen in meinem Bekanntenkreis und dem meiner Frau. Auch Spencer Tracy, Walther Matthau und all die anderen berühmten „Alten" aus Film und Literatur spielten eine Rolle. Carl ist so etwas wie der „Greatest Hits"-Mix aus Menschen, die wir in einer Person vereint haben.
In der deutschen Version wird Philantroph und Schauspieler Karlheinz Böhm Carls Stimme sein. Haben Sie ein Mitspracherecht bei der Auswahl der ausländischen Stimmen?
In den verschiedenen Ländern gibt es verschiedene Personen, die über Disney mit uns zusammenarbeiten. Die wissen viel besser als wir, welche internationalen Schauspieler zur Auswahl stehen und welche ihrer Meinung nach gut passen würden. Dann schauen wir deren Vorschläge an und tragen unsere Ideen dazu bei. Aber im Großen und Ganzen überlassen wir die Entscheidung ihnen. Und sie machen einen tollen Job!
Hat der Original-Synchronsprecher der Charaktere bzw. seine Stimme Einfluss auf die Entwicklung von Look und Charakter der Animationsfigur?
Bei Pixar läuft es immer so, dass die Charaktere zu dem Zeitpunkt, an dem wir nach Schauspielern suchen, schon fertig designt sind. Wir wussten bereits, wie Carl aussehen wird, als wir Ed Asner als Sprecher für ihn bekamen. Auf die Entwicklung der Charaktere an sich hat diese Wahl also keinen Einfluss. Aber wenn wir mit den Aufnahmen beginnen und feststellen, dass der Sprecher - in diesem Fall Ed - Wörter auf eine andere Art sagt, vielleicht abgehackt spricht - oder dass es lustiger ist, wenn er dies oder jenes tut... Dann versucht man, diese Dinge einzubauen und manches wird so speziell für den Schauspieler umgeschrieben. Auf diese Art liefern uns auch die Sprecher Input dazu, wie sich die Figuren letztlich handeln und sprechen. Oft filmen wir die Schauspieler auch während des Einsprechens. Trickfilmzeichner schauen sich dieses Videomaterial dann ganz genau an und lassen Nuancen von Verhalten oder Gestik in den Film einfließen.
Wie Carl und Russel in "Oben" ist auch ihr Team nach Südamerika geflogen, um die Landschaft zu erkunden. Haben Sie gefährliche Abenteuer erlebt?
Wir waren eine Gruppe von zehn Leuten, die für drei Tage mit Flugzeug, Jeep und Helikopter herumreiste. Wir sind auch gewandert, haben den Mount Roraima bestiegen, einen grandiosen Tafelberg, der 2810 m hoch ist. Wir haben da oben drei Nächte verbracht und eine Menge skizziert, gemalt und fotografiert. Das hat viel zum Film beigetragen. Ich glaube nicht, dass wir das Gefühl oder auch die Details so gut hätten einfangen können, wenn wir nicht dort gewesen wären. Ab und zu kriegten wir es dort durchaus ein wenig mit der Angst zu tun. So wurde zum Beispiel einer unserer Mitreisenden krank. Und wir dachten schon „Oh, oh! Wenn's schlecht läuft, werden wir ihn 20 Meilen zum nächsten Dorf tragen müssen, um ein Telefon benutzen zu können." Das war schon ein aufregendes Erlebnis.
"Oben" wird der erste Pixar-Film sein, der in Digital 3-D zu sehen sein wird. Was trägt dieses neue Format zur Story oder zum Kinoerlebnis bei?
Dreidimensionale, stereoskopische Grafiken ermöglichen mehr Tiefe. Wir wollten diese Technik allerdings auf eine Weise einsetzen, die trickreich ist und einen nicht mit einem „Buh!" anspringt. Es geht vielmehr darum, in die Leinwand hineinzusehen. Wir benutzen sie fast wie ein Fenster, durch das man blicken kann. Die Welt wird realer und räumlicher. Bei den Flugszenen beispielsweise bekommt man so ein besseres Gefühl für die Tiefe im Raum - kann alles unmittelbar und gemeinsam mit den Charakteren erleben. Aber wir haben uns alle Mühe gegeben, es sowohl in 2D als auch in 3D gut aussehen zu lassen. Denn wir wissen, dass ein paar Leute es entweder nicht in 3D sehen wollen oder nicht die Möglichkeit dazu haben.
Ideen zu einem neuen Film fallen Ihnen vermutlich nicht am Schreibtisch ein, wenn Sie vor einem Stück weißem Papier sitzen. Wie funktioniert der kreative Prozess?
Das ist eine wirklich schwierige Frage. Woher kommen die Ideen? Sie kommen von überall her, manchmal von sehr mysteriösen Orten. Dafür gibt es keine Regel, das ist jedes Mal verschieden. Die Idee zu „Toy Story" kam uns, weil John Lasseter einen Kurzfilm über Spielzeug gedreht hatte und wir uns dachten: „Alles, was wir machen, sieht eh aus wie Plastik. Nutzen wir das zu unserm Vorteil und machen die Hauptfiguren aus Plastik". Und dann hatten wir alle das Gefühl, dass unser Spielzeug zum Leben erwacht, wenn wir aus dem Zimmer gehen. "Monster AG" folgte einem ähnlichen Prinzip. Schließlich wussten wir alle, dass früher Monster in unserem Schrank lebten, die nur darauf warteten, uns nachts zu erschrecken. Doch warum? Was machen sie da? Und wie sieht es in ihrer Welt aus?
Bei "Oben" war die Inspiration die Sehnsucht, der Welt zu entfliehen und alles hinter sich zu lassen. Also entstand das Bild von einem Haus, das an Ballons in den Himmel steigt. Das fühlte sich cool an. Dann dachten wir rückwärts und stellten uns Fragen wie: Wer ist in dem Haus? Wohin fliegt er und warum? Alle Antworten entwickelten sich aus diesem zugrunde liegenden Bild, mit dem alles anfing.
Mit all den faszinierenden technischen Entwicklungen: Gibt es da noch etwas, dass Sie in einem Animationsfilm nicht realisieren können?
Wenn es für die Story wirklich wichtig ist, können wir fast alles machen. Aber ein paar Dinge sind noch immer sehr schwer umzusetzen. Wenn sich zum Beispiel zwei Figuren unterhalten und der eine währenddessen etwas wegschmeißt, das mit einem „Platsch!" in einer Pfütze landet, dann wird das gekürzt, wenn es nicht essentiell ist. Denn das ist tatsächlich schwierig zu realisieren. Alles, was vom Normalen abweicht bedeutet normalerweise einfach mehr Arbeit.
Pixar-Filme haben immer eine Botschaft. Was sollen wir aus diesem Film mitnehmen?
Wenn wir einen Film machen, ist es für mich immer ein bisschen so, als würde man sich mit Psychoanalyse oder ähnlichem befassen. Am Anfang des Filmes weiß man nicht so richtig, was man mit ihm sagen möchte. Es ist zuallererst faszinierend, sich überhaupt mit Monstern oder einem fliegenden Haus auseinanderzusetzen. Wenn man sich dann weiter damit beschäftigt, steigt man immer tiefer ein und kommt schließlich drauf, was einem daran so wichtig ist. Bei diesem Film war es die Idee, dass viele von uns dazu neigen, ein Ziel zu verfolgen. Sei es, einen Marathon zu laufen oder unsere eigene Firma zu gründen oder etwas anderes. Ich glaube nicht, dass an diesen Zielen etwas falsch ist. Aber manchmal verlieren wir dadurch aus den Augen, was für tolle Dinge wir bereits um uns herum haben. Unsere Beziehungen, die Zeit, die wir mit unseren Kindern oder unserer Familie und Freunden verbringen. Darum geht es in diesem Film. Die scheinbar kleinen und unwichtigen Dinge, um die es im Leben wirklich geht.
"Oben" eröffnete das diesjährige Festival in Cannes. Haben Sie das als Auszeichnung für diesen Film oder Ihre Firma empfunden?
„Oben" war der erste Animationsfilm überhaupt, der dieses angesehene Festival eröffnete. Das war schon ziemlich großartig. Dort hinzugehen und den roten Teppich, die Kameras und das Chaos mit den Fotografen und den Fans zu erleben, war überwältigend und wirklich cool. Ich hoffe, das bedeutet, dass die Menschen den Film so sehen wie wir. Was bedeutet, dass man versteht, dass wir Animationsfilme nicht (nur) für die Kids machen, sondern für uns selbst, für Erwachsene, für Familien und für jedermann. Und wir hoffen, dass sie allen gefallen.
Nach zehn Pixar-Spielfilmen: Ist jeder Film besser als der vorherige oder sind sie alle Einzelkunstwerke?
Sie sind voneinander unabhängig und wir versuchen sicherzustellen, dass jeder Film verschieden ist. Wenn man ins Kino geht, hofft man natürlich, dass die Qualität stimmt und eine Geschichte gut erzählt wird, aber abgesehen davon weiß man nicht genau, was einen erwartet. Das ist eine Überraschung und für mich ein Teil der Freude am Kino. Aber ich glaube schon, dass das künstlerische Niveau bei jedem Film steigt und steigt und steigt. Jedes Mal wenn ich mich frage, „Wie könnte man es besser machen, als man es bei diesem Film gemacht hat", schaffen die Leute es irgendwie, noch einen draufzusetzen. Die Trickfilmzeichner, die Beleuchtungscrew, die Schattierer - alles sieht fantastisch aus und wird immer besser.
Sorgt das für viel Druck für den nächsten Film?
Es ist ein selbst auferlegter Druck, besonders auf der technischen Ebene. Manchmal fragen wir die Zeichner, ob wir einen Spritzer, den wir in einem vorigen Film hatten, wieder haben können. Dann meinen sie, dass der gar nicht so gut war, und dass man das besser hinbekommen kann. Es ist also ein selbst auferlegter Anspruch, immer noch besser zu werden.
Nachdem die Arbeit an diesem Film beendet ist, arbeiten Sie bestimmt schon an einem neuen. Können Sie uns etwas davon erzählen?
Der nächste Film von Pixar wird "Toy Story 3" sein. Bei dem führe nicht ich die Regie, sondern Lee Unkrich, der auch bei den ersten beiden Teilen dabei war. Der Film sieht fantastisch aus und wird bestimmt toll. Dann haben wir noch weitere Filme, ungefähr fünf oder sechs, die in den Startlöchern stehen und ich selber bin irgendwo weiter hinten, ich habe ein paar nebulöse Ideen, die ich noch in meinem Kopf hin- und herbewege. Wir werden sehen, was dabei herauskommt.
Das Herz der Walt Disney Company waren die legendären "Neun alten Männer" (Nine Old Men). Möchten Sie auch ein "alter Mann" bei Pixar werden?
Nach ein oder zwei weiteren solchen Filmen werde ich das vermutlich sein (lacht). Das Coole an diesem Studio ist, dass es dem alten Studio System Hollywoods ähnelt. Heutzutage ist sonst meist so, dass der Regisseur eine Menge von Leuten um sich sammelt um einen Film zu drehen und wenn der dann fertig ist, ziehen alle wieder ihrer Wege. Hier können wir bleiben. Wir wissen, dass, obwohl der Film vorbei ist, ein Büro und ein Monatslohn auf uns warten. Und die gleichen Leute, mit denen ich zusammengearbeitet habe, werden auch zum nächsten Film beitragen. Ich denke das ist es, was es uns möglich macht, immer besser und besser zu werden. Ich hoffe, dass das so weitergeht, denn bisher hat es perfekt funktioniert.
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Interview: Katharina Happ, Leadsatz /Fotos: © gettyimages
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Vor über 1000 Jahren kamen sie aus dem Norden - die wilden Kerle mit den lustigen Helmen. Der cleverste unter ihnen: ein kleiner Junge namens Wickie... Alle infos, Bilder und Filmkritik finden Sie im Special.
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Benutzer Kommentare
Ich habe die Filmausschnitte gesehen - genial. ED und Russel sind ein gutes Gespann. Der Artikel ist interessant und gibt einen guten Einblick in die Arbeit bei Pixar.
Posted by: miriam391 on Sa 23:26 03.Okt. | Missbrauch meldenSorry - mein Namensgedächtnis ist miserabel. Ich meinte natürlich Carl und Russel.
Posted by: miriam391 on Sa 23:28 03.Okt. | Missbrauch melden