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Die Welt besteht aus Zyklen

Ricore: Herr Akin, wie kam es zu "Auf der anderen Seite"?

Fatih Akin: Es gab mehrere Facetten, Anekdoten, Fenster und Türen, die gleichzeitig passierten und den Schreibprozess von "Auf der andere Seite" vorangebracht haben. Der Film ist relativ schnell entstanden. Genau vor einem Jahr haben wir noch nicht einmal gedreht, sondern steckten mitten im Probenprozess. Im Jahr davor - im Mai 2005 - gab es noch nicht einmal ein Drehbuch. Wenn ich mir den Film ansehe und darüber nachdenke, wie viel eigentlich in dem Film enthalten ist, wie voll er eigentlich ist, dann kommt es mir selbst vor, als wäre es eine Arbeit von mehreren Jahren. Aber auch wenn ich es gerne gewollt hätte: Die Zeit von fünf bis sechs Jahren gab es einfach nicht.

Ricore: Warum hat das der Qualität des Films nicht geschadet?

Akin: Es gibt quantitative und qualitative Zeit. Aus Druck ist bei uns etwas Gutes entstanden. Ich bin zufrieden mit dem Film, oder sagen wir: Zufrieden genug. Ich sehe in dem Film zwar sehr viele Fehler, vor allem im technischen Bereich, aber ich sehe ihn als Momentaufnahme. Während ich ihn gedreht habe, dachte ich: "Oh, das ist ja alles furchtbar altmodisch. Das spielt ja in den 1970ern!" Dann habe ich aber gemerkt: Nein, nein, das ist nicht altmodisch. Zeit, das habe ich gelernt, bewegt sich in Zyklen. Zeit ist nicht etwas, das geradeaus geht. Genauso wie Kino wiederholt sie sich immer. Das ganze Leben, die ganze Welt, besteht aus Zyklen.

Ricore: Fühlen Sie sich als Deutscher?

Akin: Das kann ich so nicht sagen. Ich komme aus Hamburg und Istanbul, mein Leben besteht aus Ambivalenz. Meine Filme sind Gemälde, die natürlich stark von diesen beiden Hintergründen geprägt werden.

Ricore: Ihr neuer Film ist auffallend langsam erzählt. Warum?

Akin: Weil ich bei vielen Filmen ständig das Gefühl habe, dass wir uns nicht genug Zeit nehmen. "Auf der anderen Seite ist deshalb das Distanzierteste, was ich jemals gemacht habe. Die Kamera ist am weitesten weg, ich versuche dem Raum Atem und dem Zuschauer die Chance zu geben, das, was er sieht, auch zu glauben und nicht auszusteigen. Ich ergreife auch keine Partei, sondern lasse den Zuschauer selbst entscheiden.

Ricore: Was hätten Sie gemacht, wenn Sie Sonntagabend die Goldene Palme bekommen hätten?

Akin: Was ich dann gemacht hätte? Ich hätte mich wahnsinnig gefreut. Ein Gewinn wäre schön für mich, für meine Karriere - und auch für Deutschland gewesen.

Ricore: Verkauft sich der Film nicht von ganz von alleine?

Akin: Nun ja, es ist und bleibt immer noch ein Independent-Film, der diese Form der Aufmerksamkeit schon bräuchte, um international den großen Durchbruch zu schaffen. Ich hatte für den Film 3 1/2 Millionen Euro zur Verfügung. Das ist für Deutschland nicht wenig, aber eben auch keine Bernd Eichinger-Produktion.

\n(filmreporter.de)


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