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Auch 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs bleibt die filmische Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit Thema. Das unterstrich auch das diesjährige Berlinale-Programm mit dem preisgekrönten Wettbewerbsbeitrag "Sophie Scholl - Die letzten Tage" und insbesondere mit dem sehr persönlichen und aufwühlenden Dokumentarfilm "2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß". Dabei gerät Malte Ludins Porträt des eigenen Vaters, einem 1947 hingerichteten Nazioffizier, zur beispielhaften Zustandsbeschreibung einer Familie, die es nie geschafft hat, mit den Schatten der Vergangenheit fertig zu werden.
Es gehört schon eine gehörige Portion Mut dazu, die eigene Familie ins Zentrum einer Diskussion um ein Thema, das seit Jahrzehnten schöngeredet oder gar totgeschwiegen wurde, zu rücken. Der renommierte Filmemacher und Dokumentarist Malte Ludin, Jahrgang 1942, hat sich dieser heiklen Aufgabe dennoch gestellt und ist auf Spurensuche gegangen. In "2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß" erfährt man, dass sein Vater Hanns Ludin 1941 von Hitler als Gesandter in die Slowakei geschickt wurde. Dort sollte er die Interessen Berlins, vor allem die "Endlösung", durchsetzen. 1946 wurde Ludin in die Slowakei ausgeliefert, 1947 zum Tode verurteilt und hingerichtet. Doch der Sohn, der seinen Vater kaum kannte, interessiert sich nicht so sehr für dessen politische Karriere, er möchte vielmehr von seinen Verwandten erfahren wie sie mit der Situation, Nachfahren eines Nazitäters zu sein, umgehen. Dabei fördert Ludin ebenso Überraschendes wie Erschütterndes zu Tage. So war die eigene Mutter bis zu ihrem Tode im Jahre 1997 fest von der Unschuld ihres Ehemannes überzeugt - und diese Meinung hatte die Witwe, die mit eiserner Hand über ihren Clan herrschte, auch an ihre Kinder weitergegeben.
Malte Ludin schafft es in seiner einzigartigen Dokumentation, alle seine (noch lebenden) Geschwister zu Aussagen vor der Kamera zu bewegen und sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen. Das Erstaunliche aber ist, dass niemand es fertig bringt, den Vater kritisch zu betrachten geschweige denn, eine negative Äußerung über ihn zu machen. Trauriger Höhepunkt dabei ist ein zu einer hitzigen Diskussion eskalierendes Gespräch zwischen Malte und seiner älteren Schwester Barbel, die ursprünglich bei dem Film gar nicht mitwirken wollte. Doch Ludin konfrontiert nicht nur Schwestern und Schwager, Neffen und Nichten mit der Nazi-Zeit, er selbst stellt sich auch seinen Wurzeln, trifft als so genanntes Täterkind mit Opferkindern zusammen und spürt bei der Begegnung mit Tuvia Rübner, einem Überlebenden des Holocaust, am eigenen Leib, wie schwierig es ist, mit einer solchen Situation umzugehen.
Wohl noch nie wurde nationalsozialistische Vergangenheit so schonungslos und direkt, so intim und offenherzig behandelt wie in "2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß" - ein eminent wichtiges Zeitdokument, spannend, entlarvend und ehrlich zugleich. Vielleicht kann es ja am aktuellen kommerziellen Erfolg von "Sophie Scholl" partizipieren und so jene Zuschauerzahlen erreichen, die es verdient. lasso.
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